Himmelfahrtskommando in den Norden

Schon bei meinem Bericht über die Tour zur Marienburg habe ich es vorsichtig angekündigt. Für das Himmelfahrtswochenende hatte ich mir etwas Größeres vorgenommen. Mit Gravelbereifung und etwas Gepäck wollte ich meine Schwester besuchen. Lieber wäre mir die Rennradbereifung gewesen, jedoch hatte meine Wahl zwei Gründe. Zum einen hatte ich mein Rad schwerer beladen als üblich, zum anderen hatte ich die Hoffnung, dass die etwas robusteren Reifen mir einen Plattfuß ersparen würden. So war das Reisetempo zwar etwa heruntergesetzt, aber ein hohes Tempo war nicht meine erste Priorität. Eine Zerrung in der Kniekehle brachte meine Planung etwas in Wanken. Da diese sich aber mehr bei Höhenmetern bemerkbar macht, ging ich das Unterfangen mit pinkem Tape in der Kniekehle trotzdem an.

Der Wecker klingelte am Donnerstag um 4.00 Uhr und nach einem gemütlichen Frühstück packte ich die letzten Sachen und saß kurz nach 5.00 Uhr auf dem Rad Richtung Norden.

Zunächst fuhr ich über Osterode und Willensen nach Kalefeld. Die Kirche dort wollte ich beim letzten Mal schon fotografiert haben. Mit ihrer Backsteingotik erinnert die Emporenhallenkirche an die Sakralbauten im Norden, also eine gute Einstimmung auf meine Tour. Der Weg führte mich auf ähnlichem Wege zum Schloss Marienburg. Dort traf ich um kurz vor 8 Uhr ein und dachte mir schon, dass ich dort wohl noch keinen Kaffee bekommen würde. Doch sogar die Runde über den Innenhof blieb mir verwehrt.

Also fuhr auf auf der anderen Seite des Berges wieder hinab Richtung Pattensen. Ab hier merkte ich, dass der Wind langsam zunahm, da die Tour nun flacher und windanfälliger wurde. Leider kam er aus Nordwesten, also immer von links oder von vorn. Das sollte sich bis zum Ende der Tour auch nicht mehr ins Positive verändern. In Hannover führte mich das Navi über Linden, hinter den Herrenhäuser Gärten vorbei (das habe ich erst bei der Nachbearbeitung gesehen), durch Leinhausen und Stöcken. In Stöcken bewunderte ich das Eingangsportal zum Stadtfriedhof.

Es war kurz vor 10 Uhr und langsam erwachten auch die Herren, die in großen Scharen zu Fuß oder hoch zu Rad auf ihre Vatertagstouren aufbrachen. Um 10.30 Uhr kreuzte ich die A2 und machte in luftiger Höhe über der Autobahn eine Pause, bevor es in Richtung Garbsen weiterging.

Landschaftlich reizvoll war die Strecke nicht. Das änderte sich erst wieder ab Neustadt am Rübenberge. Zwar wurden die Radwege weniger, die Orte jedoch deutlich netter, mit unzähligen alten Dreiseitenhöfen und viel rotem Backstein. Die Windstärke nahm zu und mein Durst leider auch. 1,5l sind für eine Tour wie diese definitiv nicht genug… Die Märkte hatten aufgrund des Feiertags geschlossen und die einzigen Tankstellen die ich fand, waren SB-Tankstellen ohne Einkaufsmöglichkeit. Im Ort Nöpke sah ich eine Frau mit Kinderwagen, die gerade auf ein Haus zusteuerte und bat sie darum, mir die Flaschen aufzufüllen. Mit einer Marathonläuferin hatte ich genau die richtige erwischt, da sie mir sagte, dass sie auch regelmäßig bei fremden Leuten um Wasser bitte. Nun ging es auf die Zielgerade. Der Wind fegte mir immer stärker ins Gesicht und jeder der noch 30 km zog sich elendig in die Länge. Eine längere Verschnaufpause an einem Bahnübergang, an dem der Verkehr über 5 Minuten auf die beiden durchfahrenden Züge warten durfte.

Immerhin genug Zeit, etwas zu essen und den Rox an die Powerbank zu hängen, dessen Akku bei Dauernavigation nach nun über 150 km langsam schwächelte. Einige Zeit später sah ich vor mir einen Planwagen vor mir. Ich kam ihm relativ zügig näher und hörte und sah bald die grob 15 Männer, die sich gegen das Wandern entschieden hatten. Als sie mich entdeckten war das Gegröle groß und man bot mir sogar ein Bier an. Dieses lehnte ich jedoch dankend ab und überholte den Traktor bei der nächsten Möglichkeit. Ich zähle jeden restlichen km, bis ich endlich um kurz nach 13 Uhr bei meiner Schwester ankam.

Den Freitag nutzten wir zum regenerativen Shoppen bei Bremen und ließen den Tag relativ entspannt angehen.

Samstag ging es wieder zurück. Allerdings startete ich erst gegen 8 Uhr, da wir ja noch gemütlich frühstücken wollten. Als ich das Rad aus der Garage holte schauerte es kräftig. Ich entschied mich dafür, diesen Schauer abzuwarten, was zu Glück nicht lange dauerte und fuhr im leichten Nieselregen und empfindlicher Kälte los. Schon auf den ersten Kilometern machte ich eine große Extraschleife. Ich hatte bei meiner Grobplanung Dörverden als Startpunkt angegeben – den nächst größeren Ort. Bei komoot hatte ich das genaue Ziel zwar noch geändert, aber nicht mehr auf den Rox geladen. Zwar wunderte ich mich, dass ich in die gefühlt falsche Richtung fuhr, hatte aber auch eine andere Route für den Rückweg geplant. Als ich das Problem erkannte, war es schon zu spät und Wenden hätte sich nicht mehr gelohnt. Mit einem immerhin sehr verkehrsberuhigtem Schlenker von etwa 5 km Umweg ging es irgendwann los in Richtung Süden. Der Wind kam heute eher aus westlicher Richtung und schob mich auf einigen Passagen recht zügig, meist schob er mich aber eher Richtung Straßenmitte.

Meine Beine fühlten sich gar nicht so ermüdet an, wie ich es zunächst befürchtet hatte. Heute fuhr ich etwas westlicher durch Hannover. Immer wieder gab es kleine Schauer und auch die Sonnen hat wenig Kraft, sodass ich die meiste Zeit mit Armlingen und/oder Regenjacke fuhr. In Langenhagen kam ich am Flughafen vorbei und überlegte kurz, das Rad als Gepäck aufzugeben und in wärmere Gefilde zu flüchten, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Stattdessehn gönnte ich mir eine kurze Auszeit am Maschsee, bevor ich weiter Richtung Hildesheim fuhr.

In Hildesheim war ein Kaffeestop geplant. Gegenüber des Bahnhofs fand ich ein Café, in das ich aber das Rad natürlich nicht hineinnehmen durfte. Da ich es am Bahnhof auch keinesfalls unangeschlossen alleine stehen lassen wollte setze ich mich als einziger Gast nach draußen und es gab prompt einen weiteren kräftigen Schauer. Zum Glück gab es ein Vordach, sodass ich nur etwas Spritzwasser abbekam. Auch bei meiner Frage nach einer Toilette hatte ich kein Glück, diese sei leider geschlossen. Als ich bei meiner Weiterfahrt eine Tankstelle entdeckte, hing auch dort ein Schild „Ich bin leider wieder verstopft“. Da wird man ja quasi zum Wildurinieren gezwungen….

Trotz veränderte Route kam ich wieder an der Marienburg vorbei. Doch halt, nein! Große Verwechslungsgefahr. Beide liegen in der Nähe von Hildesheim, jedoch ist das Schloss Marienburg ein Prachtbau jüngeren Datums, wohingegen diese Marienburg eine Wasserburg aus dem 14. Jahrhundert ist. Leider habe ich es verpasst, Fotos zu machen und wollte keinen Schlenker dorthin fahren, daher hier ein Bild aus dem Internet.

060610 Universität Hildesheim Domäne Marienburg Foto Andreas Hartmann, Luisenstrasse 13, 31141 Hildesheim – fotoaha@aol.com

In Groß Düngen erinnerte mich der Ortsname an die Aufnahme von Nährstoffen und ich kaufte mir ein zucker- und koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk um meiner Flaschen aufzufüllen und wollte den Halt nutzen, um meine Blase zu leeren. Letzteres leider erfolglos („Nein, eine Kundentoilette haben wir nicht“). Kohlensäure in Radflaschen ist eher suboptimal. Ganze dreimal schlug mir der Druck beim Öffnen der Flasche gegen das Zäpfchen, ab dem vierten Trinken, hatte die Gefährdung nachgelassen ;).

Es folgte einer der größten Anstiege der Tour über den Weinberg bei Nette. In zum Glück nicht zu steilen Serpentinen ging es vier Kilometer den Berg hinauf und ein paar weniger auf der anderen Seite hinunter.

Bald landete ich in Rhüden. Von dort aus sollten es noch 50 km mit einigen Höhenmetern sein. Langsam merkte ich die Erschöpfung auch das lange Sitzen war nicht mehr so ganz komfortabel. Kurz gesagt, die Motivation war nicht mehr ganz so hoch, was unter anderem mit dem weiterhin etwas an April erinnernden Wetter zu tun hatte. 15 km weiter, kurz hinter Seesen machte mein Rad seltsame Geräusche. beim Blick nach unten wusste ich weshalb. Bei meinem hinteren Reifen war die Luft noch mehr raus als bei mir. Damit war mein Plan pannenfrei zu bleiben leider nicht aufgegangen. Ich hatte zwar alles dabei, was man braucht, leider ja aber die nicht die Kraft den Mantel wieder in die Felge zu bekommen. Also versuchte ich gar nicht erst den Schlauch zu wechseln, sondern versuchte es mit verschiedenen Telefonjokern. Leider hatte keiner Zeit und Möglichkeit mich abzuholen.

Also schob ich mein Rad und überlegte, was ich nun tun könnte. Nach Seesen die 4 km zurück laufen und den Zug nehmen, wäre die einfachste Lösung. Jedoch hatte ich vor, die Tour zu beenden und war todunglücklich. Da kam aber der Held in glänzender Rüstung und hoch zu Ross. Na gut, der Held in Rennradoutfit und Carbonrad und fragte mich, ob ich Hilfe bräuchte. Zerknirscht bejahte ich dies. Auch er hatte ganz schön mit dem Mantel zu kämpfen, aber nach einer knappen Viertelstunde war mein Rad wieder fahrbereit und ich unendlich dankbar. Nun konnte ich auch den Rest des Weges in Angriff nehmen. Zwar wurde es noch einmal ordentlich hügelig, aber irgendwie mobilisierte ich noch irgendwelche Kräfte um sogar eine Schleife über Hattorf zu fahren, um eine SD-Karte abzuholen. Dank dieser Zusatzkilometer (und denen zu Beginn) kam ich tatsächlich knapp über 200 km und jubelte innerlich, als der Tacho auf 200 km sprang. Zwar war diese Tour sicherlich nicht die landschaftliche Reizvollste und auch nicht die mit dem besten Fahrerlebnis auf Straße und Radwegen, aber es ging auch primär darum, meine Schwester zu besuchen und zu schauen, ob ich zwei dieser Distanzen in kurzer Zeit gewachsen bin.

Jetzt bin ich ziemlich müde, aber auch ordentlich stolz und werde erst einmal meinen Beinen ein paar Tage Ruhe gönnen. Knapp 390 km in drei (bzw. zwei aktiven) Tagen waren für mich eine ganz schöne Herausforderung.

Bild

Jahresrückblick 2021

Ein Jahr ohne Superlative aber mit vielen Kilometern und kleinen Highlights.

Beim Durchscrollen meiner Aktivitäten bei Strava stelle ich fest, dass das Jahr nicht außerordentlich spektakulär war, ich aber doch eine Menge erlebt habe. Im Januar ging es los mit viel Schnee und entsprechend wenig Radkilometern. Trotzdem war ich durch die 30-Tage Yoga Challenge von Mady Morrison und tolle Winterwanderungen in Bewegung.

Nach vier Radtouren bis Mitte Januar kam mein neues Spielzeug, das Kickrbike von Wahoo. Ich tourte ein wenig mit kinomaps, wo man per Videoaufzeichnung echte Touren nachfahren kann, bevor ich bald bei Zwift heimisch wurde. Da meine Schüler im Homeschooling waren, blieb etwas mehr Zeit für Sport. Das rächte sich auch ziemlich bald, da ich ja gelegentlich dazu neige etwas zu übertreiben. Und so hatte ich mich mit Wanderungen, Indoor-Radtouren und Yoga irgendwann mal wieder etwas überlastet. Ab Februar ging ich das Thema Sport wieder etwas ruhiger an und schaffte es so, meine Wattwerte zu verbessern. Cool waren die wenigen Meter mit André Greipel, der eines Tages an mir vorbeistrampelte. Ich bezweifle jedoch, dass er mich wahrgenommen hat.

Auch André Greipel kann mal mit nur 2.1 w/kg fahren…

Im Februar legte sich der Winter nochmal richtig ins Zeug, sodass ich ein paar Mal mit Langlaufskiern über die Felder rutschte und exzessiv meine Adduktoren trainierte. Da ich sonst nur Loipe gewohnt bin (in der ich mich auch eher schlecht als recht schlage), ist das Fahren in Treckerspuren und quer durch die Botanik ein ziemliches Abenteuer für mich.

Der März bestand aus einigen Meetups bei Zwift und dem Auffrischen der Freundschaft zu meiner Schulfreundin Anna, mit der ich zunächst auch nur bei Zwift fuhr. Auch meinen ersten Indoor-Hunderter bin ich im März gefahren. Da flach ja langweilig ist auch gleich mit 1200 hm (zweimal den Epic KOM hoch). Danach ging es mir nicht so richtig gut, da meine Getränkemenge etwas knapp bemessen gewesen war. Ende des Monats wurde das Wetter etwas besser, sodass ich mich gelegentlich auch mit dem Rad vor die Tür wagte. Ich konnte gleich feststellen, dass das Fahren nach Trainingsplan zu Erfolgen führte.

Anfang April hatte ich meinen FTP auf 180 W gearbeitet und konnte auch draußen nun vermehrt Krönchen bei Strava einfahren. Ab April beendete ich das Zwift-Abo und war wieder nur noch Outdoor unterwegs. Zu Ostern fuhr ich mit Kai eine längere Tour (knapp 110 km) Richtung Seesen und Bad Gandersheim auf zum großen Teil neuen Wegen. Eine schöne Abwechslung zu den doch ansonsten etwas ausgefahrenen Standard-Trainingswegen.

Bad Gandersheimer Dom

Das Frühjahr war windig und trug definitiv der Charakterformung bei, da der Wind meist von vorne kam. Im Mai wagten wir uns trotzdem auf eine längere Tour (150 km) zum Hohen Hagen, zwischen Göttingen und Hann. Münden. Der vielbesagte Berg war nach einigen Kilometern in den Beinen zwar anstrengend, aber bei weitem nicht so schlimm wie befürchtet. Auch bei dieser Tour genossen wir wiederum einige neue Streckenabschnitte, durch die das Fahren wieder sehr an Reiz gewinnt. Eine sehr schöne Graveltour führte uns in den Harz. Allerdings fast ohne fiese Anstiege, sondern relativ flach über geschotterte Radwege auf ehemaligen Bahntrassen. Auf diese Weise kommt man überraschend entspannt nach Braunlage. Die Tour war klasse, wenngleich ich gleich zweimal… stürzte…. na ja, umkippte. Die falschen bzw. andere Cleats können ziemlich gemein sein….

Am Hohen Hagen

Das Wetter im Mai war unbeständig. Mal schaffte man es zwischen Hagel, Regen und Gewitter aufs Rad, mal war man gerade unterwegs, wenn es losging. Immerhin zeigte sich an den letzten Tagen des Monats noch einmal die Sonne, sodass eine lange, fordernde Tour nach Nordhausen (126 km) mit vielen Gravelanteilen und Pisten mit bis zu 8% möglich war. Auch diese Tour war klasse, da extrem abwechslungsreich bezüglich des Untergrunds und der Umgebung.

Schotterig nach Nordhausen

Der Juni ging regnerisch und kühl los, bevor er schlagartig für einige Tage extrem heiß wurde. Die Zeit nutzte ich für einige Runden im Jues, was – nach langer Schwimmabstinenz – wieder sehr gut tat. Ab Juli wurden die Touren endlich etwas spannender. Ein Jahreshighlight war auf jeden Fall meine erste Fahrt auf den Brocken. 133,33 km mit 1.641 hm. Mit einer netten Gruppe Göttinger Radler ging es auf den höchsten Berg des Harzes, vor dem ich einen ziemlichen Respekt hatte und immer noch habe. Die Tour hatte es auch wirklich in sich, bis kurz vor dem Ende lief es aber recht gut. Nur die letzten Meter auf der Brockenstraße überforderten mich etwas. So oder so bin ich aber – wenngleich ich auch ein bisschen schieben musste und meine Lunge lauter pfiff als die Brockenbahn – oben angekommen. Und was soll ich sagen? Auch ein halbes Jahr danach bin ich noch stolz wie Oskar, dass ich das geschafft habe.

Am Brockenstein

Wenige Tage später war ich mit Freundinnen unterwegs und genoss die Girls-Rides in der Umgebung sehr, da ich ja sonst eher das Radeln mit Männern gewohnt bin. Eine der Damen war meine bereits erwähnte Schulfreundin Anna. Im August fand ein Gegenbesuch in Frankfurt statt und wir machten den Vulkanradweg unsicher. 170 km Mädelspower – definitiv ein weiteres Rad-Highlight diesen Jahres, während dem Anna sich und mich sicherlich ein paar Mal verflucht hat, da sie noch nicht ganz so viele Rad-Kilometer in den Beinen hatte und sie die Distanz etwas unterschätzt hatte. Das Fazit ist aber, dass wir auch diese langen Touren stemmen können.

Mit Anna auf dem Weg zum Vulkanradweg

Nicht ganz so lang war die erste Etappe unseres einzigen Overnighters dieses Jahr. Nach 140 km, unter anderem über den mit zahlreichen Tunneln bestückten Kanonenbahnradweg, war ich allerdings schon ganz schön platt und eine schlaflose Nacht in einer Schutzhütte im Wald und Dauerregen am nächsten Tag führten dazu, dass wir die Tour auf mein Bitten bereits nach 50 km abbrachen. Ob das ein Schwächeeingeständnis ist? Nein, ich denke nicht. Ich habe dieses Jahr in der Tat drei Touren abgebrochen und bereue es bei keiner davon. Manchmal möchte der Körper einfach nicht so mitspielen und ich fahre Rad, weil es mir Spaß macht. Natürlich habe ich auch eine Menge Ehrgeiz, aber das Abbrechen einer Tour ist für mich kein Tabu.

Nach der Tour ging es weiter nach Hamburg und Kühlungsborn, wo wir auch abwechslungsreiche und spannende Touren fuhren. Leider meinte es das Wetter – vor allem an der Ostsee – wieder nicht so richtig gut mit uns.

Im Hamburger Elbtunnel
Am Leuchtturm in Warnemünde

Bereits im September entstaubte ich mein Kickrbike. Ich war gefragt worden, ob ich eine Rennserie bei Zwift mitfahren möchte. Zunächst war ich sehr motiviert, musste aber feststellen, dass Team-Rennen (Zwift Racing League – WTRL) keine Freude machen, wenn man in der falschen Leistungsklasse fährt und man immer nur hinterher fährt. Das wurde mir zwar nicht vorgeworfen – ganz im Gegenteil, mein Team hat sich sehr bemüht, mich zu motivieren – aber ich habe die letzten Rennen gerne den starken Mädels überlassen, sodass sie eine Chance auf eine bessere Platzierung hatten. Stattdessen bin ich lieber mit meiner neuen Rennradbereifung draußen herumgedüst und durfte feststellen, dass eine schmalere Bereifung mich etwa 2 km/h schneller macht.

Das kam mir sicherlich auch im Oktober zugute, als ich mit einer Männertruppe zum Kyffhäuser gefahren bin. Knappe 150 km war die Gesamtstrecke lang und hatte zum Glück nur etwas über 1000 hm. Bis kurz vor dem Kyffhäuser ging es gaaanz seicht bergab, sodass der Hinweg gar keine Probleme bereitete. Zurück kämpfte einer der Herren mit sich und der Gesamtsituation, was es für mich auch schwierig machte, da wir sehr rücksichtsvoll fahren mussten. Entsprechend des Hinwegs ging es auf dem Rückweg stetig gaaanz leicht bergauf. Immerhin durfte ich als Pacemaker ran und die Herrenrunde anführen. Das war auch mal eine ganz spannende Erfahrung.

Am Kyffhäuserdenkmal

Nach privaten Veränderungen im September flog ich im Oktober nach Mallorca. Ein richtig toller Urlaub mit viel Sonne, kühlem Wind und Bewegung an Land und im Wasser. Das war meine erste Auslandsraderfahrung und sie hat mich ziemlich begeistert (gerade habe ich nach einem Synonym für „geflashed“ gesucht und vorgeschlagen wurde unter anderem „enthusiasmieren“. Das muss ich unbedingt einmal irgendwann benutzen…). Das Fahren mit dem Mietrad hat gut geklappt und durch akribische Vorplanung mit komoot waren auch meine Touren klasse. Noch schöner wäre es sicherlich in Begleitung gewesen, da es auch auf der Baleareninsel ganz schön windig war.

Am Cap Formentor

Jetzt neigt sich das Jahr dem Ende zu. Insgesamt waren es sehr aktive Monate mit 7.500 Rad-und 22,5 Schwimmkilometern (hätten die Schwimmbäder nicht so lange zu gehabt, wäre es vermutlich mehr gewesen). Damit bin ich mehr als zufrieden. Nur zu Erinnerung, letztes Jahr waren es gerade einmal 4.500 km auf dem Rad. Ich schaue nun neugierig auf das nächste Jahr. Da werde ich – so sie denn stattfindet – bei der Cyclassics in Hamburg dabei sein. Außerdem möchte ich weitere Gegenden mit dem Rad erkunden. Wenn es gut läuft, rolle ich auch mal ein paar Kilometer durch die Toscana, aber das wird final wohl dieses nervige Virus entscheiden. Außerdem möchte ich unbedingt die 200 km knacken und vielleicht spontan noch an der ein oder anderen Veranstaltung teilnehmen. Das sind die Pläne für nächstes Jahr. Mal sehen, was sich davon umsetzen lässt.

Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch und einen schönen Start ins neue Jahr. Bleibt gesund!

Overnighter im August

Der Sommer dieses Jahr lässt ja irgendwie zu wünschen übrig. Trotzdem war der Wunsch da, eine Bikepacking-Tour zu starten. Da Urlaub und Schönwetterfenster die Terminwahl stark eingrenzten lief es auf einen Overnighter, also eine Tour mit einer Übernachtung hinaus. Ich überlegte mir eine Tour über das Eichsfeld zum Kanonenbahnradweg, dann über den Wartburg-Herkulesradweg zum Herkules in Kassel und über Göttingen zurück. 244 km mit 2.690 Höhenmetern hätten es werden sollen. Doch wie sagte John Lennon schon so schön „Life is what happens to us while we are making other plans“. Es sollte also etwas anders kommen.

Die Wetterapps schlugen uns völlig unterschiedliche Wetterideen für die zwei Tage vor und ich wählte optimistisch die schönsten Aussichten aus. Morgens etwas Niesel, ab dann komplett trocken. Das klang doch gut. Der Niesel am Morgen war schon recht kräftig, wir warteten den Schauer ab und starteten entsprechend recht spät gegen 9.45 Uhr. Es ging östlich an Duderstadt vorbei über die Wehnder Warte nach Worbis. Schon hier war es ordentlich wellig und ich musste mal wieder erschrocken feststellen, was ein paar Kilo Gepäck am Rad so ausmachen.

Wir streiften Leinefelde und stießen bei Dingelstädt auf den Kanonenbahn-Radweg. Die Kanonenbahn war in den 1870er Jahren eine wichtige Militärverbindung zwischen Berlin und Frankreich. Auf 33 km ist er nun ein sehenswerter Radweg, der vor allem für seine Tunnel und das schöne Viadukt in Lengenfeld bekannt ist. Über dieses darf man jedoch nur mit der Draisine, nicht mit dem Rad fahren. Wie für ehemalige Bahnlinien typisch hielten sich auf der gesamten Strecke die Höhenmeter in Grenzen, es ging sogar überwiegend bergab.

Leider pustete uns dafür ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht, der sich noch bis zum Abend sehr „entgegenkommend“ zeigte… Der Küllstedter Tunnel beeindruckte uns besonders. Über 1530m ging es durch die kalte Dunkelheit und dem Wind entgegen, der sich in den Tunneln besonders schön kanalisieren konnte. Trotzdem eine absolute Empfehlung, sich diese Tour einmal vorzunehmen. Bitte unbedingt mit Licht. Es gibt eine bewegungsgesteuerte Notbeleuchtung, genug Sicherheit bietet sie aber bei unbeleuchtetem Gegenverkehr nicht.

Entlang des Flüsschens Frieda wurschtelten wir uns durch nach Eschwege. Da wir – aufgrund einer Brückensperrung – überwiegend den Schildern folgten nahmen wir einen Umweg nah Eschwege in Kauf, wo wir uns allerdings auch ein paar Mal etwas verfranzten. Nach einer Stärkung mit Kaffee und Kuchen rollten wir durch die Innenstadt, kreuzten die Werra und fanden uns in Reichensachsen wie gewünscht auf dem Wartburg-Herkulesradweg wieder.

Dieser verbindet auf 110 km Eisenach mit Kassel und lässt sich sehr schön fahren, da er bis auf wenige Meter schön asphaltiert ist. Die ganz großen Sehenswürdigkeiten gab es auf unserem Streckenabschnitt jedoch nicht. Es ging durch einige hübsche Orte, viel jedoch auch entlang von Bundesstraßen. In Hessisch Lichtenau suchten wir noch einmal einen Supermarkt auf und Kai sorgte für die Abendverpflegung. In der Zeit schaute ich in der App Camp Wild nach einer Hütte in der Nähe. Diese war auch gar nicht weit weg und bedeutete lediglich einen Umweg von vier Kilometern (mit dem Rückweg auf die Tour entsprechend acht). Das Höhenprofil hatte ich mir natürlich nicht angehschaut. Tatsächlich ging es die ganze Zeit nämlich knackig bergauf. Nach 130 km und dem Gepäck kam ich dort geringfügig an meine Grenzen. Im Wald angekommen fanden wir aber eine geräumige Hütte unter einer riesigen Buche, Sitzgruppe und Mülleimer vor. Also alles, was man braucht. Mit Rettungsdecke als Unterlage, unseren Isomatten von Thermarest und den Schlafsäcken machten wir es uns gemütlich. Da ich ja einen schönen Schlafsack von Grüezibag gewonnen hatte war ich ganz heiß darauf, diesen auszuprobieren. Er hat ein Moskitonetz, was mit einem Reißverschluss an die Kopf-Öffnung gezippt werden. Für diesen Einsatzzweck klasse, da wir ja ohne Zelt unterwegs waren.

Leider kam ich trotz des coolen Schlafsacks nicht in den Schlaf. Ich bin ja eine ziemliche Frostbeule, aber tatsächlich war mir der Schlafsack bei einer geschätzten Temperatur von 14/15°C einfach viel zu warm. In meiner Verzweiflung habe ich ein Kleidungsstück nach dem anderen auszogen, aber es war immer noch viel zu warm. Bis drei Uhr lag ich immer noch wach, krabbelte immer wieder raus um die Blase zu leeren oder einfach etwas herunter zu kühlen. Nachdem ich einige Stunden keine Mücken mehr gehört hatte beschloss ich, den Schlafsack doch nur als Decke zu nutzen und konnte so wenigstens bis kurz vor 6 Uhr etwas schlafen. Mückenstiche gab es wirklich keine, nur eine Zecke hatte sich an meinen Arm verirrt.

Völlig übermüdet (also eher ich als Kai) packten wir am nächsten Morgen die Sachen zusammen und frühstückten. Inzwischen hatte feiner Nieselregen eingesetzt. Erfreulich war die vier Kilometer lange Abfahrt, die wir uns gestern Abend hochgekämpft hatten. In diese Richtung war sie gar nicht so schlimm. Wir waren in Regenjacken gestartet und mussten diese auch nicht mehr ausziehen, da der Regen immer stärker wurde. Außerdem taten mir vom Vortag die Beine gewaltig weh und durch die Müdigkeit war mir zu allem Überfluss auch noch übel. Bis Kassel kamen wir ganz gut voran, da wir heute zumindest keinen Gegenwind hatten und es ausnahmsweise lange tendenziell bergab ging. Die Orientierung in Kassel war leider nicht so toll. Bisher hatten wir versucht nur nach Schildern zu fahren, aber den Wartburg-Herkulesradweg hatten wir plötzlich irgendwie verloren. Da der Regen stärker und die Sicht mies war entschieden wir uns dazu, den Besuch beim Herkules zu verschieben. Wir bahnten uns den Weg nach Hann. Münden, der uns über viele Höhenmeter und Landstraßen oder auch Feldwege mit teilweise weichem Untergrund führte. Bei letzteren hatte ich zwischenzeitlich das Gefühl überhaupt nicht von der Stelle zu kommen. Bei strömendem Regen rollten wir die Abfahrt nach Hann. Münden hinunter. Nach der Abfahrt waren die Beine eine Weile entlastet, aber ich wusste, dass Richtung Göttingen noch einiges an Höhenmetern auf uns zukommen würde. Daher bat ich Kai, die Tour an dieser Stelle abzubrechen. Nass bis auf die Knochen und mit schmerzenden Beinen wollte ich mich nicht weiterquälen. Schließlich soll das Ganze ja auch Spaß machen. Den hatte ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr. Als wir am Bahnhof ankamen ließ der Regen zwar nach, aber wir waren trotzdem froh uns dort umzuziehen und in trockener Kleidung mit der Bahn nach Herzberg zu fahren.

Den nächsten Overnighter starten wir auf jeden Fall bei stabilerem Wetter, mit einer harmloseren Strecke und dem dünneren Schlafsack (zumindest wenn die Nächte doch noch verhältnismäßig warm sind). Nach dieser Tour habe ich übrigens die 5000 Jahreskilometer voll. 😊

Bike-Packing-Premiere

Vor einiger Zeit habe ich bei einem Gewinnspiel mitgemacht. Dort sollte man angeben, für welche Tour man den Sigma Rox 12.0 Sport benutzten wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir den Plan, eine Runde durch Flandern, also Nordbelgien zu fahren und dort unsere ersten Back-Packing-Gehversuche – nein falsch – Fahrversuche zu machen. Mit meinem Plan habe ich das Gerät ja auch gewonnen und soll eigentlich nun über diese Tour berichten. Jedoch scheint gerade weltweit eine komische Krankheit zu kursieren. Gerade jetzt – Anfang August – schnellten in vielen Ländern, darunter auch Belgien, die Fallzahlen nach oben. Eine klare Reisewarnung gab es zwar nicht, das Risiko einer Ansteckung oder anschließenden Quarantäne war uns aber doch zu groß, sodass wir nur einige Tage vor der Reise unseren Plan über den Haufen warfen und stattdessen eine Route durch Niedersachsen legten. Nebenbei sollte auch der niedersächsische Teil meiner Familie besucht werden, also meine Tante und Onkel, sowie meine Schwester und ihr Freund.

Voll bepackt geht es los. Kai mit der Lenkerrolle und Packtaschen von Ortlieb und Satteltasche von Apidura, ich mit der Ortlieb Gravel-Serie.

Schon das Packen war eine wahre Freude. Probepacken – Fehlanzeige. Erst am Abend vorher stellten wir unser Gepäck zusammen und stellten fest, dass gar nicht alles ans Fahrrad passte. Gut, also etwas abgespeckt. Aber wie vielen Klamotten braucht man? Wechselkleidung, Regensachen, Bikini, Mückenspray, Armlinge und viele andere Kleinigkeiten hätten definitiv zu Hause bleiben können. Dies hätte aber auch anders sein können.

Meine Packliste sah folgendermaßen aus:

  • Radhose kurz, 2 Trikots (eins hätte gereicht), 3 Paar Socken (2 davon überflüssig!), Armlinge und Beinlinge, Weste
  • kurze Hose, T-Shirt, Pulli und Badelatschen, Bikini
  • Schuhe, Helm und Mütze, Buff (als Schnutenpulli-Ersatz)
  • Kompaktkamera (Lumix DMC-TZ 101), Actioncam (Osmo Action), Sigma Rox 12.0, Garmin fenix 5s, Handy, Solar-Powerbank, Ladekabel
  • Sonnencreme (wichtig!), Mückenspray, diverse Popocremeproben und -stick (für mich auch wichtig), Zahnbürste und – pasta, Handtuch, Taschentücher und feuchte Einmalwaschlappen
  • Magnesium-Tabletten, Elektrolyte (Tabletten von High5), Maltodextrin 6 (Pulver), Energie-Gels von High5
  • 2 Next Level Meal (Astronautennahrung) und 3 Megabite (Brownie-Riegel), beides von Runtime
  • Hängematte (Amazonas ultra light, mit Moskitonetz) und Schlafsack (Deuter Orbit +5C°)
  • Kai hatte zusätzlich ein Schloss dabei und einen Kocher (MSR WindBurner- Duo Stove, 1,8l)
Was braucht man nur alles????

Schlecht vorbereitet aber frohen Mutes ging es am Dienstag endlich los. Gegen 8.30 Uhr saßen wir auf dem Rad und fuhren Richtung Göttingen. Zu meiner Tante in Porta Westfalica hätten wir es deutlich kürzer haben können, aber wir wollten so viel wie möglich vom Weserradweg mitnehmen. Im Süden stellte sich zuerst der Roringer Berg in den Weg, an dem wir zum ersten Mal das Gewicht des Gepäcks zu spüren bekamen. Tatsächlich fühlte es sich für mich einige Male so an, als würde sich jemand hinten am Sattel festhalten. Weiter ging es nach Göttingen, wo wir beiden zum ersten Mal in Genuss von Radschnellweg kamen. Zwar hatten wir es nicht eilig, trotzdem machte er die Stadtdurchfahrt sehr angenehm. Über Rosdorf und Dransfeld fuhren wir weiter nach Hann. Münden, der Doktor Eisenbart-Stadt, an der die Weser „entspringt“, bzw. sich aus Werra und Fulda bildet.

Als Kind habe ich den Spruch des Wesersteins von meinem Vater ja anders gelernt: „Wo Fulda sich und Werra küssen, da kannst du in die Weser pis…“. Vom kulturellen Anspruch her vielleicht fragwürdig, aber ich konnte es mir merken. Nach einer Stärkung beim Bäcker und einer kleinen Runde durch die Innenstadt begannen wir die Reise auf dem Weserradweg. Mal auf Schotter, mal asphaltiert aber fast immer schön rollte es sich – hügeliger als erwartet nach Norden. In Hemeln machten wir den nächsten Stop in dem kultigen Biergarten und tranken ein unschlagbar günstiges Weizen (2,50€ mit Blick auf die Weser – perfekt). Trinken war sowieso die Prämisse der Woche, da es jeden Tag heißer werden sollte.

Am Kloster Bursfelde (erbaut 1093) sollte eigentlich das Tagesziel sein. Mönche aus Corvey errichten hier im Auftrag von Graf Heinrich von Northeim das Benediktiner-Kloster, welches zunächst katholisch, später lutherisch geführt wurde. Das Klosterleben endete jedoch im Jahr 1672. Im Jahr 2020 gab es öffentlich zugänglich weder geeignete Bäume für unsere Hängematten noch eine Einkaufsmöglichkeit. Es blieb uns nichts anderes übrig – wir mussten weiter. Nach 106 km (meiner längsten Strecke bisher) und knapp 700 Höhenmetern fanden wir ins Oedelsheim (Oberweser) nicht nur einen Edeka, sondern auch ein relativ ruhiges Plätzchen für die Nacht. Letztere sollte bitterkalt werden. Vorher gab es noch unsere erste Portion unseres Nahrungsshakes. Wir waren ziemlich skeptisch, aber hey, die Dinger sind wirklich lecker und machen erstaunlich satt, auch uns Vielfraße.

Bei 9°C war selbst Kai am Bibbern und ich konnte am Morgen meine Füße trotz Socken nicht mehr spüren. Nachdem wir den Morgennebel abgewartet hatten krabbelten wir am nächsten Morgen aus den Hängematten und bereiteten uns unseren Porridge zu. Erst um 9.30 Uhr saßen wir im Sattel und kreuzten in Gieselwerder die Weser um einige Kilometer linksseitig weiterzufahren. Schon in Bad Karlshafen ging es nach einem zweiten Frühstück wieder zurück ans andere Ufer. Hier pendelten wir ständig zwischen Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Vorbei an Höxter und mit Stop in Holzminden ging es gut. Doch dann kam irgendwann der große Durst und lange keine Möglichkeit, etwas zu Trinken zu bekommen. Nach einer Irrfahrt durch das bergige Reileifzen (es war ein Getränke-Abholmarkt ausgeschildert, aber leider nicht zu finden) gönnten wir uns ein alkoholfreies Radler direkt an der Weser. In Bodenwerder (statt des Lügenbarons Münchhausen) konnten wir unsere Flaschen endlich auffüllen und fanden wenig später eine schöne Schutzhütte. Dort konnte zumindest ich meine Hängematte aufhängen, Kai erklärte sich bereit, auf der Bank zu schlafen. Die Nacht nach etwa 93 km war deutlich wärmer und unser Schlaf entsprechend besser.

Wir wachten früh auf, frühstückten und machte uns entspannt auf zu nächsten Etappe. Wir waren für den frühen Nachmittag bei meiner Tante angemeldet. Bei nur etwas über 60 km gar nicht so einfach. Mit vielen Fotostops, Eis in Hameln und Pizza in Rinteln schafften wir es, die Zeit halbwegs auszureizen. Wenige Kilometer vor dem Ziel schauten wir uns noch kurz von außen die Klosteranlage Möllenbeck an. Dieses wurde bereits 896 als Damenstift gegründet und gilt als eine der größten Klosteranlagen des Weserberglandes. 1441 wurde das Kloster mit Mönchen des Augustinerordens besetzt, die das Kloster bis 1505 neu aufbauten. Heute ist es evangelisch-lutherisch und wird teilweise kirchlich, aber auch als hübsches Hotel und Jugendfreizeitheim genutzt. Die Temperaturen waren aber kaum auszuhalten. 32°C sind schon amtlich und wir genossen es schließlich, von meiner Tante verwöhnt zu werden und die Schattenplätze im Garten zu nutzen.

Gerne wären wir morgens länger geblieben, aber es sollte noch heißer werden (34°C) und wir hatten eine längere Etappe vor uns . Zu meiner Schwester sollten es 102 km sein. Schon zu Beginn waren sich Schilder und der Rox (in diesem Fall die Routenplanung mit komoot) sich nicht einig. Da letzterer uns gerne über die Landstraßen geführt hätte, wir aber den Weserradweg bevorzugt hätten. Dieser hätte jedoch noch einen kräftigen Schlenker nüber Vlotho und Bad Oeyenhausen gemacht, den wir uns sparen wollten. So kamen wir nach einigem Hin und Her auf 114 km. Eines der ersten Highlights war natürlich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal oberhalb der „Porta Westfalica“ („Tor nach Westfalen“). Mit der Porta ist der Weserdurchbruch zwischen dem Wiehen- und Wesergebirge gemeint. Mit dem Denkmal vom Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Einigung des Deutschen Reiches als Folge des Deutsch-Französischen Krieges gefeiert. In Minden kreuzten wir die Weser und den Mittellandkanal und fuhren durch verschiedene Natur- und Vogelschutzgebiete. Nachdem man in unserer Region nur noch die eingeschleppten Nilgänse sieht, war es eine Wohltat mal wieder Grau- und Nonnengänse zu beobachten. Die letzten Kilometer u.a. durch Nienburg wurden hart, vor allem, da die Luft entweder stand oder uns Gegenwind bescherte. 114 km – wieder eine längste Strecke für mich. Das absolute Highlight war der knappe Kilometer feinster Heidesand, der tatsächlich als Radweg markiert war – eine Frechheit… Meine Schwester Corinna und Flo beglückten uns mit Kuchen und als die Temperaturen am Abends nachließen auch mit Gegrilltem. Außerdem füllten wir die körpereigenen Wasserspeicher noch einmal kräftig für die kommende Hitzeschlacht.

Bereits um 8.30 Uhr saßen wir nach einem ausgiebigen Frühstück im Sattel um uns auf die Heimreise zu machen. 36 °C Grad sollten wir heute noch erreichen. Und was macht der intelligente Radfahrer – sicherlich nicht knapp 130 km Rad fahren. Noch dazu auf einer Strecke, die leider total ätzend war. Zunächst war alles gut. Es ging entlang der Aller mal auf Schotter, mal auf Beton oder Asphalt, oft sogar mit Schatten vorwärts. Ab Schwarmstedt allerdings machten wir den Fehler, die kurze Strecke über Hannover zu wählen, anstatt den Leineradweg zu nehmen. Dieser war leider auch nirgends – auch nicht auf unserem Weg durch Hannover – ausgeschildert, sodass wir Kilometer um Kilometer uns an Bundesstraßen vorbeiquälten und in Hannover jede rote Ampel mitnahmen. Hier hatten wir auch die Maximaltemperatur erreicht und ich hatte bei jedem Stop das Gefühl, dass ich vom Rad falle. Kurz vor Hildesheim fanden wir schließlich einen hilfsbereiten Ortskundigen, der uns den Weg zum Leineradweg beschrieb, sodass zumindest die letzten Kilometer des Tages etwas erträglicher wurden. Bei mir war bald die Luft raus, sodass wir nach 127 km die Tagesetappe beendeten (übrigens meine längste Tour bisher…). In Bad Salzdetfurth fanden wir Speis und Trank und eine Schlafstätte an einem Fußballplatz, an der wir halbwegs ungestört waren. Ich war nach dieser Tour ehrlich gesagt physisch wie psychisch etwa neben der Spur und brauchte die Nacht um wieder zu Kräften zu kommen. Die ganzen Kilometer, die Hitze und die Schmerzen vor allem am Gesäß hatten da wohl ihren Tribut gefordert.

Am Sonntag standen wir früh – aber furchtbar müde auf und machte uns schnell nach dem Frühstück auf den Weg, denn es sollte – wie könnt es anders sein – heiß werden. Viertel nach Sieben ging es los auf die letzten Kilometer, die es noch mal in sich hatten Zwar waren es nur knappe 75 km, aber auch noch einmal über 700 Höhenmeter. Das schlauchte, aber zumindest hatte man ein Ziel vor Augen. Auch heute waren sich Rox und Nutzer nicht überall einig. Sicherlich hätten wir einige Höhenmeter sparen können, wenn wir über Bockenem, Rhüden und Seesen gefahren werden, die Route leitete uns jedoch über Lamspringe, Bad Gandersheim, das Harzhorn und Kalefeld. Am Harzhorn fanden vor gerade einmal 1790 Jahren einige Schlachten zwischen den Römern und Germanen statt. Nach diesem Geschichtsausflug machten wir uns auf die letzten Kilometer, die noch einmal einige Anstiege in petto hatten. Nach einem Eis in Osterode (das 7. in dieser Woche glaube ich…) kamen wir erschöpft in Herzberg an.

Alles in allem war es eine tolle Erfahrung. Pack- und satteltechnisch muss sicherlich noch einiges optimiert werden und für die Hängematte muss eine Isomatte her, aber ansonsten war es eine gelungene Bike-Packing-Premiere durch den Norden und ich freue mich schon jetzt auf die Belgien-Tour…

Runde 570 km (Garmin und Rox sind sich nicht ganz einig) und etwa 2300 Höhenmeter in sechs Tagen. Ich glaube, ich kann ganz stolz auf mich sein, vor allem bei den Temperaturen rund um den Garpunkt….