Overnighter im August

Der Sommer dieses Jahr lässt ja irgendwie zu wünschen übrig. Trotzdem war der Wunsch da, eine Bikepacking-Tour zu starten. Da Urlaub und Schönwetterfenster die Terminwahl stark eingrenzten lief es auf einen Overnighter, also eine Tour mit einer Übernachtung hinaus. Ich überlegte mir eine Tour über das Eichsfeld zum Kanonenbahnradweg, dann über den Wartburg-Herkulesradweg zum Herkules in Kassel und über Göttingen zurück. 244 km mit 2.690 Höhenmetern hätten es werden sollen. Doch wie sagte John Lennon schon so schön „Life is what happens to us while we are making other plans“. Es sollte also etwas anders kommen.

Die Wetterapps schlugen uns völlig unterschiedliche Wetterideen für die zwei Tage vor und ich wählte optimistisch die schönsten Aussichten aus. Morgens etwas Niesel, ab dann komplett trocken. Das klang doch gut. Der Niesel am Morgen war schon recht kräftig, wir warteten den Schauer ab und starteten entsprechend recht spät gegen 9.45 Uhr. Es ging östlich an Duderstadt vorbei über die Wehnder Warte nach Worbis. Schon hier war es ordentlich wellig und ich musste mal wieder erschrocken feststellen, was ein paar Kilo Gepäck am Rad so ausmachen.

Wir streiften Leinefelde und stießen bei Dingelstädt auf den Kanonenbahn-Radweg. Die Kanonenbahn war in den 1870er Jahren eine wichtige Militärverbindung zwischen Berlin und Frankreich. Auf 33 km ist er nun ein sehenswerter Radweg, der vor allem für seine Tunnel und das schöne Viadukt in Lengenfeld bekannt ist. Über dieses darf man jedoch nur mit der Draisine, nicht mit dem Rad fahren. Wie für ehemalige Bahnlinien typisch hielten sich auf der gesamten Strecke die Höhenmeter in Grenzen, es ging sogar überwiegend bergab.

Leider pustete uns dafür ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht, der sich noch bis zum Abend sehr „entgegenkommend“ zeigte… Der Küllstedter Tunnel beeindruckte uns besonders. Über 1530m ging es durch die kalte Dunkelheit und dem Wind entgegen, der sich in den Tunneln besonders schön kanalisieren konnte. Trotzdem eine absolute Empfehlung, sich diese Tour einmal vorzunehmen. Bitte unbedingt mit Licht. Es gibt eine bewegungsgesteuerte Notbeleuchtung, genug Sicherheit bietet sie aber bei unbeleuchtetem Gegenverkehr nicht.

Entlang des Flüsschens Frieda wurschtelten wir uns durch nach Eschwege. Da wir – aufgrund einer Brückensperrung – überwiegend den Schildern folgten nahmen wir einen Umweg nah Eschwege in Kauf, wo wir uns allerdings auch ein paar Mal etwas verfranzten. Nach einer Stärkung mit Kaffee und Kuchen rollten wir durch die Innenstadt, kreuzten die Werra und fanden uns in Reichensachsen wie gewünscht auf dem Wartburg-Herkulesradweg wieder.

Dieser verbindet auf 110 km Eisenach mit Kassel und lässt sich sehr schön fahren, da er bis auf wenige Meter schön asphaltiert ist. Die ganz großen Sehenswürdigkeiten gab es auf unserem Streckenabschnitt jedoch nicht. Es ging durch einige hübsche Orte, viel jedoch auch entlang von Bundesstraßen. In Hessisch Lichtenau suchten wir noch einmal einen Supermarkt auf und Kai sorgte für die Abendverpflegung. In der Zeit schaute ich in der App Camp Wild nach einer Hütte in der Nähe. Diese war auch gar nicht weit weg und bedeutete lediglich einen Umweg von vier Kilometern (mit dem Rückweg auf die Tour entsprechend acht). Das Höhenprofil hatte ich mir natürlich nicht angehschaut. Tatsächlich ging es die ganze Zeit nämlich knackig bergauf. Nach 130 km und dem Gepäck kam ich dort geringfügig an meine Grenzen. Im Wald angekommen fanden wir aber eine geräumige Hütte unter einer riesigen Buche, Sitzgruppe und Mülleimer vor. Also alles, was man braucht. Mit Rettungsdecke als Unterlage, unseren Isomatten von Thermarest und den Schlafsäcken machten wir es uns gemütlich. Da ich ja einen schönen Schlafsack von Grüezibag gewonnen hatte war ich ganz heiß darauf, diesen auszuprobieren. Er hat ein Moskitonetz, was mit einem Reißverschluss an die Kopf-Öffnung gezippt werden. Für diesen Einsatzzweck klasse, da wir ja ohne Zelt unterwegs waren.

Leider kam ich trotz des coolen Schlafsacks nicht in den Schlaf. Ich bin ja eine ziemliche Frostbeule, aber tatsächlich war mir der Schlafsack bei einer geschätzten Temperatur von 14/15°C einfach viel zu warm. In meiner Verzweiflung habe ich ein Kleidungsstück nach dem anderen auszogen, aber es war immer noch viel zu warm. Bis drei Uhr lag ich immer noch wach, krabbelte immer wieder raus um die Blase zu leeren oder einfach etwas herunter zu kühlen. Nachdem ich einige Stunden keine Mücken mehr gehört hatte beschloss ich, den Schlafsack doch nur als Decke zu nutzen und konnte so wenigstens bis kurz vor 6 Uhr etwas schlafen. Mückenstiche gab es wirklich keine, nur eine Zecke hatte sich an meinen Arm verirrt.

Völlig übermüdet (also eher ich als Kai) packten wir am nächsten Morgen die Sachen zusammen und frühstückten. Inzwischen hatte feiner Nieselregen eingesetzt. Erfreulich war die vier Kilometer lange Abfahrt, die wir uns gestern Abend hochgekämpft hatten. In diese Richtung war sie gar nicht so schlimm. Wir waren in Regenjacken gestartet und mussten diese auch nicht mehr ausziehen, da der Regen immer stärker wurde. Außerdem taten mir vom Vortag die Beine gewaltig weh und durch die Müdigkeit war mir zu allem Überfluss auch noch übel. Bis Kassel kamen wir ganz gut voran, da wir heute zumindest keinen Gegenwind hatten und es ausnahmsweise lange tendenziell bergab ging. Die Orientierung in Kassel war leider nicht so toll. Bisher hatten wir versucht nur nach Schildern zu fahren, aber den Wartburg-Herkulesradweg hatten wir plötzlich irgendwie verloren. Da der Regen stärker und die Sicht mies war entschieden wir uns dazu, den Besuch beim Herkules zu verschieben. Wir bahnten uns den Weg nach Hann. Münden, der uns über viele Höhenmeter und Landstraßen oder auch Feldwege mit teilweise weichem Untergrund führte. Bei letzteren hatte ich zwischenzeitlich das Gefühl überhaupt nicht von der Stelle zu kommen. Bei strömendem Regen rollten wir die Abfahrt nach Hann. Münden hinunter. Nach der Abfahrt waren die Beine eine Weile entlastet, aber ich wusste, dass Richtung Göttingen noch einiges an Höhenmetern auf uns zukommen würde. Daher bat ich Kai, die Tour an dieser Stelle abzubrechen. Nass bis auf die Knochen und mit schmerzenden Beinen wollte ich mich nicht weiterquälen. Schließlich soll das Ganze ja auch Spaß machen. Den hatte ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr. Als wir am Bahnhof ankamen ließ der Regen zwar nach, aber wir waren trotzdem froh uns dort umzuziehen und in trockener Kleidung mit der Bahn nach Herzberg zu fahren.

Den nächsten Overnighter starten wir auf jeden Fall bei stabilerem Wetter, mit einer harmloseren Strecke und dem dünneren Schlafsack (zumindest wenn die Nächte doch noch verhältnismäßig warm sind). Nach dieser Tour habe ich übrigens die 5000 Jahreskilometer voll. 😊