Kajak-Urlaub mit Teenies

Der Sommer stand bevor und wieder einmal stellte sich die Frage, wie der Urlaub aussehen könnte. Da mein Freund Jan in seinem Urlaub auch die Kinder hat (Anna 13, Jan jun. 15), mussten auch diese eingeplant werden. Ein Radurlaub kam also nicht infrage. Wir waren uns jedoch einig, dass es gerade bei Teenagern wichtig ist, Erlebnisse zu schaffen. Als ich Teenager war, hatte ich auch diverse Erlebnisse außerhalb der Urlaube. Dank PC und Smartphone findet viel Leben nur noch digital statt. Damit muss man sich abfinden, aber ich habe die Befürchtung, dass wenig digitale Momente gibt, an die man sich Jahre später noch erinnert. „Weißt du noch, wie ich den letzten Typen bei Fortnite gekillt habe“, ist glaube ich in dem Moment für einen Fünfzehnjährigen aufregend, im nächsten Jahr, kann sich jedoch keiner mehr daran erinnern. Egal, genug der Vorrede. Fest stand nur, dass es etwas sein sollte, das sie noch nicht gemacht hatten. Mich hatte schon lange das Reisen per Kajak gereizt. Als Achtzehnjährige durfte ich einmal eine Jugendgruppe bei einer Kanutour auf dem Tarn (in Südfrankreich) betreuen. Das war mir sehr positiv in Erinnerung geblieben. Jedoch hatte diese Sache zwei Haken: Zelten ist für die Kinder keine Option (und uns fehlt die Ausrüstung) und vermutlich schlagen wir uns beim Kanu fahren alle gegenseitig die Köppe ein, da das Steuern zu Beginn oft nicht so recht klappt. Stattdessen schaute ich nach Kajaktouren. Schnell wurde ich bei Kanutours Gießen fündig. Hier gab es eine fünftägige Tour mit Hotelübernachtungen und optionalen Einerkajaks von Roth nach Limburg. Die Tour führte durch einige schöne mittelalterliche mittelhessische Städte und schien daher recht abwechslungsreich. Die Distanz sollte 93 km betragen. Was dies an Zeitinvest bedeutet, konnten wir noch nicht einschätzen.

Um entspannt zu starten, reisten wir bereits einen Tag früher an und quartierten uns im Eishaus in Gießen ein. Dieses Hotel sollte auch unser erster Übernachtungs-Stop während der Tour sein und wir baten darum, die Zimmer behalten zu dürfen. Zu Fuß machten wir uns auf in die Gießener Innenstadt und waren enttäuscht ob des doch nicht so schönen Zentrums. Die Bomben des zweiten Weltkriegs hatten hier ganze Arbeit geleistet, denn von der Altstadt war nur noch sehr wenig zu sehen. Das Internet sagte mir, dass ca. 75% zerstört worden seinen. Der einsetzende Regen verbesserte die Stimmung nicht. Immerhin gab es aber bei Galeria nicht nur Toiletten, sondern auch gratis Popcorn, wodurch das Barometer wieder etwas nach oben ausschlug. Wir gingen retour Richtung Hotel und deckten uns beim Rewe mit Essen für den Abend ein.

Die Lahn am Hotel in Gießen

Etappe 1: Roth-Gießen

Der nächste Morgen startete mit einem großartigen Frühstück. Wir waren jedoch etwas angespannt, da wir alle nicht so ganz genau wussten, was uns erwarten würde. Um 9 Uhr fanden wir einen Parkplatz auf dem Gelände des Anbieters und beluden uns mit Packsäcken und diese mit unseren – hoffentlich richtig und vollständig zusammengestellten – Habseligkeiten. Es war kalt und wir mussten einiges an Wartezeit überbrücken, da der Shuttlebus nach Roth erst um 10 Uhr zu erwarten war. Schon jetzt stellen wir unsere Klammottenwahl infrage, da es doch ziemlich frisch war. Mit Paddeln ausgestattet und endlich im Bus entspannten wir uns etwas, wobei uns der aufregendste Teil ja noch bevorstand. Die anderen Teilnehmer waren deutlich schneller beim Verpacken ihre Gepäcks gewesen, sodass wir die Letzten waren, die die Kajaks zu Wasser ließen. Wir schafften es alle ohne zu kentern in die Boote und machten uns auf den Wasserweg ins knapp 20 km entfernte Gießen.

Im Busshuttle

Wir bemerkten schnell, dass wir doch deutlich langsamer vorankommen würden, als angenommen. Die Teenager stellten zudem fest, dass diese Aktivität doch ganz schön anstrengend war, und unter Tränen stellte Anna die Frage, wie wir ihnen das haben zumuten können, sie könnten das doch NIEMALS schaffen. Zweimal schwimmen gehen und einmal ein wenig SUP fahren, waren wohl der Vorbereitung nicht genug… Jan nahm seine Tochter für einige Zeit in Schlepptau. So konnte sie sich erholen und die Panik flachte etwas ab. Landschaftlich ist dieser Abschnitt der naturbelassenste und wir durften schon hier einige Eisvögel, Graureiher und jede Menge Schwalben bewundern. Meine Wasserabweiser am Paddel waren leider so porös uns locker, dass mir bei jedem Paddelschlag ein Schluck Wasser auf die Oberschenkel floss. So hatte ich nicht nur einen dauerhaften nassen Hintern, sondern bald auch gut Wasser im Boot. Das nervte etwas, da die Temperaturen nur bei knapp 20°C lagen. Bei Lollar befuhren wir gespannt die erste Bootsrutsche entlang eines Wehrs und stellten fest, dass diese ein großer Spaß sind und diese Wildwasserbahnen eines Freizeitsparks nicht unähnlich sind. Das Wasser war anschließend immer wieder etwas flacher und lebhafter, sodass wir alle mal mehr mal weniger intensiven Bodenkontakt hatten. Erst nach 17 Uhr kamen wir wieder im Hotel an und waren froh, uns bereits am Vortag für ein Restaurant entschieden zu haben. Daher mussten wir nur noch die Packsäcke lüften und Klamotten trocknen, um uns kurz darauf auf den Weg zum Essen machen zu können. Immerhin hatten wir keinen Druck uns noch den Ort näher anschauen zu müssen.

Burgruine Staufenberg
Bootsrutsche

Am Abend gab es noch einen Adrenalinstoß. Es muss gegen 20.30 Uhr gewesen sein und die Rezeption war urlaubsbedingt nicht besetzt. Entsprechend war die Hoteltür bereits geschlossen. Vor der Tür saßen zwei ziemlich zwielichtig aussehende Gestalten, nicht mehr ganz nüchtern. Als wir kamen stand einer de beiden auf und versuchte sich mit uns durch die Tür zu schieben. Jan ging als letzter und hatte gut damit zu tun, den Herren am Betreten des Hotels zu hindern und die Tür wieder zu schließen. Wir waren kurz davor die Polizei zu rufen. Solche Erlebnisse muss man wirklich nicht haben. Am nächsten Morgen waren wir daher auch froh, als wir ausgiebig gefrühstückt hatten und in den Kajaks „in Sicherheit“ waren.

Etappe 2: Gießen-Wetzlar

Jedoch erwartete mich gleich das nächste Drama. Nachdem meine Garmin-Uhr sich nachts schon des Ladens verweigert hatte, reagierte sie nun gar nicht mehr. Ich bekam sie auch erst nach drei Anläufen ausgeschaltet und war den Tränen nicht nur nahe. Nach dem Neustart funktionierte sie zum Glück aber wieder. Beim Anbieter von Kanutours, 1,5 km flussabwärts, besorgte ich mir ein anderes Paddel, mit dem ich deutlich trockener unterwegs war. Dafür aber in den folgenden Tagen mit schwarzen Fingern, da das Aluminium nicht ummantelt war. Damit konnte ich aber gut leben.

Nach Gießen durften wir gleich drei Bootsrutschen genießen und bald auch schon unsere erste Schleuse. An den Schleusen darf/muss man selbst Schleusenwärter spielen. Das ist nicht unanstrengend, aber gerade beim ersten Mal ein tolles Gefühl. Spätestens, wenn man die Tore aufdrückt und die Boote die Schleuse verlassen hat man das Gefühl etwas wirklich epochales vollbracht zu haben. Mit einer letzten Bootsrutsche kurz vor Wetzlar beschlossen wir den Tag auf dem Wasser nach 17 km. Wir waren an diesem Tag zwar schon etwas schneller unterwegs gewesen, aber die ersten Blasen bildeten sich an den Händen, die Arme taten weh und hier und da wurde das Abschleppen wieder ein Anspruch genommen. Als Snack zwischendurch gab es neben den obligatorischen Müsliriegeln immer wieder Brombeeren, die uns vom Ufer aus anlachten.

Schildkröte

Abends schauten wir uns flüchtig Wetzlars hübsche Altstadt an, um dann zur Burgruine Karlsmunt aufzusteigen. Ich hatte angeboten, den Weg alleine zu gehen, aber die Kinder wollten mit. Beim Aufstieg bereuten sie ihre Entscheidung glaube ich etwas. Leider entschädigte auch die Aussicht nicht wirklich, da an den entscheidenden Stellen Bäume die Sicht versperren und der Turm nur an Sonntagen zu besichtigen ist. Nach dem Abstieg ging es zur Belohnung zu Burger King und die Kids waren wieder selig.

Wetzlarer Dom
Hier ist der Blick einfach noch besser…
Man kann nämlich den Dom sehen!
Unser Boot-Nachtlager

Etappe 3: Wetzlar-Weilburg

Der Morgen begann mit einem wässrigen Kaffee und noch viel mehr Wasser von oben. Außerdem war es lausig kalt. Hätten wir die Wahl gehabt, hätten wir sicherlich alle heute auf den Paddeltag verzichtet. Aber es half nichts. Um 8.30 Uhr setzten wir uns in die Kajaks. Ein großes Kompliment an dieser Stelle übrigens an die beiden jungen Leute: obwohl sie in den Ferien und am Wochenende am liebsten bis 10 oder länger im Bett liegen haben sie es in diesem Urlaub geschafft ohne zu murren früh aufzustehen und meist pünktlich fertig zu sein. Anna ist sicherlich etwas unstrukturierter und trödeliger, aber auch sie hat ihre Sache super gemacht. Heute sollte uns aber nicht das frühe Aufstehen mental fordern, sondern unsere insgesamt längste Etappe unter teilweise widrigen Umständen. Gleich zu Beginn mussten wir am Wehr aussteigen und unsere Kajaks über eine Rollenanlage schieben. Mit dem Gepäck in den Booten und deren Eigengewicht war es auch für mich nicht einfach, das Kajak unfallfrei nach unten zu befördern. Für die Kinder entsprechend erst recht nicht. Wir schafften es aber alle ohne weitere Vorkommnisse. Trotzdem wurden wir auch weiterhin intensiv von oben nass und waren allesamt ziemlich durchgefroren. Jan fragte sich vermutlich auch, warum er keine Regenjacke eingepackt hat. Es folgten drei Schleusen, in denen wir im Wechsel aktiv wurden. Zwar war es oben windiger und kälter, zumindest war man aber in Bewegung und wurde ein kleines bisschen wärmer. Wie jedoch auch die Etappen zuvor hatten wir wieder viel zu sehen, unter anderem auch Schildkröten, dafür aber angenehm wenig menschlichen Kontakt. Letzterer war wenn er stattfand aber auch wirklich nett.

Es ist nass…
…jetzt mal kurz nicht.
Toter Fisch

An diesem Tag entdeckten wir einige ordentlich große Fische. Zwei verendet, einen springfidel. Meistens sah man die Fische aber nicht springen, sondern nahm nur noch das Aufkommen im Wasser wahr. Gegen Mittag ließ auch der letzte Regen nach und am Nachmittag brach die Sonne durch die Wolken. Zeit, die Kleidung auf dem Kajak zu trocknen. An der letzten Bootsrutsche entdeckte Jan jun. ein Handy. Wir nahmen es an uns (die Stelle war vom Land aus nicht zu erreichen) und ich versuchte später herauszubekommen, wem es gehört. Da es nicht gesperrt war, hätte das klappen können. Jedoch war kein einziger Kontakt angelegt, keine Bilder vorhanden und die Nachrichten auf der Mobilbox kamen aus der Ukraine und waren für mich nicht verständlich. Das Telefon war scheinbar erst am Vortag gekauft worden. Letztlich gaben es wir beim Kanu-Verleih in Gießen ab. Die Strömung half uns, nach 28 km Weilburg gegen 16.30 Uhr zu erreichen. Nach dem Bezug des Hotelzimmers und einer wärmenden Dusche erkundeten wir den Ort – sicherlich einer der schönsten diese Woche. Dekadent verspeisten wir unseren Döner auf den Schlossterrassen und dankten Johann Ernst zu Nassau-Weilburg für die Umgestaltung seiner Residenzstadt im 18. Jahrhundert.

Etappe 4: Weilburg – Runkel

Heute ging es etwas später los, da das Frühstücksbuffett erst um 7 Uhr öffnete. Um 9 Uhr begann unsere Route mit einem weiteren Highlight der Tour – Deutschlands einzigem noch befahrbarem Schiffstunnel von 1847. Er ersparte uns einiges an Strecke rund um Weilburg. Wieder einmal waren wir allein auf weiter Flur, bzw. im dunklen Tunnel und durften wieder die Schleuse – dieses Mal eine Koppelschleuse – selbst bedienen.

Nach der Dunkelheit unter Tage verwöhnte uns der Tag mit viel Sonne. Entgegen aller Vernunft (ja, regt euch ruhig auf), verzichtete ich heute auf Schwimmweste und Sport-T-Shirt, da sich bei dem gestrigen Regen ein doofer Ausschlag an Bauch und Rücken gebildet hatte. Überall dort, wo die Weste auf dem Shirt auflag und dazwischen kein zusätzliches Bikinioberteil hatten sich kleine rote Pickelchen gebildet, die zum Glück aber nur wenig juckten. Ich tippe auf das Reinigungsmittel der Westen, welches sich beim Regen herausgelöst hatte. Auf diesen Stellen wollte ich heute keinen Synthetikstoff aufliegen haben.

Die Kinder tauten auf und die wenige Handynutzung machten sich positiv bemerkbar. Zwar hatten sie auch mehr Streit als üblich (wohl, da sie sich wahrnahmen), aber insgesamt wurden sie aufnahmefähiger, offener und kommunikativer. Außerdem biss sich Jan jun. wieder großartig durch den Tag. Er, der sonst leider gar keinen Sport macht, hat gute Grundvoraussetzungen, da er Bewegungsabläufe toll koordinieren kann. Die Paddeltechnik gelang ihm mittlerweile super. Anna versuchte ihr Bestes, kam als Küken der Gruppe aber, wie auch die letzten Tage, immer mal wieder an ihre Erschöpfungsgrenzen. Das Abschleppen war aber hier ein geeignetes Mittel. Drei Schleusen und 25 km später kamen wir in Runkel an und wurden von einem tollen Burgenpanorama begrüßt.

Die Burg Runkel – erbaut VOR 1159 (!) und auf der anderen Seite die Trutzburg Schadeck aus dem 13. Jahrhundert. Unser Hotel Schaaf lag außerhalb der Altstadt am Berg und wir wurden zum Glück mit einem Shuttle abgeholt. Wir schnappten nach der üblichen Runde durch die Dusche unsere Pfandflaschen und gingen die Lange Treppe Richtung Altstadt herunter und auf der anderen Seite der Lahn den Berg zur Burg wieder hinauf (mit einem Abstecher zum Supermarkt). An der Burg, die leider bereits geschlossen hatte, verspeisten wir unser Abendessen und bummelten durch die Altstadt zurück zur Lahn und die 200-Stufen-Treppe wieder hinauf zum Hotel in Schadeck. Die Kids waren begeistert! 😉

Burg Runkel
Burg Schadeck

Etappe 5: Runkel – Limburg

Der letzte Tag! Das Frühstück konnte sich sehen lassen und lieferte eine gute Grundlage für die letzte Kurzetappe. Lediglich 10 km waren es heute bis Limburg. Wir gingen es gemütlich an, da Anna versuchen wollte, heute einmal eine Etappe ohne Unterstützung zu schaffen. Sie nahm sich jetzt an Tag 5 auch unsere Tipps zu Herzen, wie sie das Paddel am effizientesten nutzt und schaffte es so problemlos, die Strecke alleine zu bewältigen. Jan jun. hatte die gesamte Paddeltour alleine gemeistert. Zwar ist er etwas älter, macht aber, wie bereits erwähnt keinen Sport. Anna hat Kraft durchs Rhönradturnen, ihr fehlt nur etwas Ausdauer.

Abschied aus Runkel

Jan macht die fehlende Fitness durch Ehrgeiz und Biss wett und hat sich unseren Respekt verdient, da ihm wirklich die Arme und Schultern ziemlich geschmerzt haben müssen. Eine Wahnsinnsleistung! Bevor wir in Limburg ankamen, passierten wir insgesamt drei Schleusen. Diese waren teilweise jedoch geflutet mit chaotischen Kanufahrern, die dafür sorgten, dass es mit der Ruhe vorbei war. Wildes rechts-links-Pendeln, Kollisionen, Grölen, Streiten, laute Musik, all das hatte ich die letzten Tage nicht vermisst. Es bestätigte uns aber noch einmal, dass wir mit den Einzelkajaks die richtige Wahl getroffen hatten, um Streit aus dem Weg zu gehen. Neben den Schleusen fuhren wir auch an der Burganlage in Runkel-Dehrn (von 1190) und der romanischen Lubentiuskirche vorbei, welche auf einem Kalkfelsen thront.

Lubentiuskirche

Der Ausstieg und Abholpunkt lag ein wenig vor Limburg, weshalb wir erst einmal daran vorbeipaddelten, um noch einen Blick auf den Dom von Limburg von 1827 zu erhaschen. Am frühen Nachmittag wurden wir abgeholt und zurück nach Gießen gebracht, von wo aus wir unsere Heimreise antraten.

Am Campingplatz Limburg
Limburger Dom
Abkühlung am Ziel

Damit ist unsere Paddelgeschichte erzählt. Sicherlich habe ich viele Kleinigkeiten und Episoden vergessen, aber ihr habt einen Eindruck. Ich würde eine Reise wie diese immer wieder machen, den Kindern reicht aber wohl dieses einmalige Erlebnis. Für uns war es jedoch schön, zu sehen, wie die Kids ohne Handy in der Hand sind. Nachhaltig war der Effekt jedoch nicht. Hier zu Hause ist alles wie zuvor. ABER es gibt eine sicherlich bleibende Erinnerung mehr, die wir ihnen geschaffen haben.