Vor einigen Tagen hatte ich mir vorgenommen hügelig über Umwege Kai von der Arbeit abzuholen. Da Berge immer wieder mein Endgegner sind, die aber bezwungen werden müssen, rollte ich entspannt los. Schon auf dem ersten Kilometer überholte ich freundlich grüßend einen anderen Rennradfahrer und ging davon aus, dass sich unsere Wege gleich trennen würden. Ha haaa, falsch gedacht. Die ganze sanfte Steigung bis nach Sieber hatte ich ihn hinter mir. Immer mit einem gebührendem Abstand von etwa 50m, aber stets hatte ich den sprichwörtlichen Atem im Nacken. Schon auf diesem Teil merkte ich, dass ich für meine Verhältnisse eigentlich viel zu schnell unterwegs war. Zwei Stimmen meldeten sich ständig im Wechsel.
Engelchen auf der rechten Schulter: „Lass ihn doch überholen. Er fährt doch schon viel länger als du.“ Teufelchen links: „Aber du hast ihn gerade überholt! Wie sieht denn das aus, wenn du jetzt schlappmachst?“ Engelchen: „Du weißt schon, dass du schon die ganze Zeit zu schnell unterwegs bist und der eigentliche Berg gleich noch kommt.“ „Das. Ist. Egal. Du. Schaffst. Das…. Irgendwie.“ „Komm, mach eine kurze Pause, lass ihn überholen und alles ist gut. Hast du seine trainierten Oberschenkel gesehen?“
So ging es eine ganze Weile und da war er schon, der von mir gefürchtete Sieberberg. Aufgaben oder anhalten und überholen lassen war keine Option mehr und so bin ich notgedrungen die 2,3 km 6%ige Steigung hochgehechelt. Zum Schluss war mein Kopf so heiß, dass ich dachte mein Helm würde schmelzen. AAABER ich habe es geschafft und habe durchgezogen. Auf der Kuppe wartete ich auf meinen Verfolger, der tatsächlich ein wenig länger brauchte als ich. Bald kam er aber um die Ecke, wir zollten uns gegenseitig unseren Respekt und er fuhr Richtung Silberhütte den Berg wieder hinunter. Ich rollte hinterher und eigentlich hätte es entspannt werden können. Aber schwupps, da saß wieder das Teufelchen: „Schau mal, da vorne ist er. Vielleicht kriegst du ihn ja noch.“ und schon war ich wieder im Ehrgeizmodus. Bis nach Lauterberg blieb unser Abstand konstant und ich hatte keine Chance auch nur auf eine kleine Annäherung. In Lauterberg war ich schon über 25 km in einem Tempo unterwegs, welches sich deutlich von meinem Wohlfühltempo unterschied. Leider wählte der Herr vor mir ebenfalls die Route über Barbis und Scharzfeld, sodass sich erst hinter Scharzfeld sich unsere Wege trennten und ich wieder entspannen konnte. So fuhr ich die Straße nach Pöhlde und Rhumspringe um kurz vor 18 Uhr in Gieboldehausen anzukommen und dann fix und fertig die letzten 23 km mit Kai nach Hause fuhr. Diese 75 km waren deutlich schlimmer als die 100, die ich kürzlich gefahren bin. Leider kann ich meinen Ehrgeiz nicht abstellen. Gefährlich wird es bei mir nur, wenn meine Erwartungen an mich mal wieder höher sind als das, was ich erreichen kann. Das führt leider immer wieder zu großem Frust und Unzufriedenheit. Gerne wäre ich entspannter und würde mich gerne nur auf mich konzentrieren, aber die Ansprüche an mich sind oft höher als es für mich gut ist.

Trotzdem bin ich auch nach so einer Aktion stolz. Vor allem, da ich einige Bestzeiten gefahren bin. Manchmal brauche ich meinen Ehrgeiz um zu sehen, was wirklich möglich ist. Plötzlich schaffe ich den Berg, auch wenn es weh tut und fahre bessere Geschwindigkeiten. Natürlich werde ich auch wieder langsame Runden fahren, also im niedrigeren HF-Bereich trainieren, aber hin und wieder tut es meinem Ego ganz gut alles zu geben. Trainingseffizienz hin oder her.
