Vulkanradweg

Schulfreunde verliert man häufig irgendwann aus dem Blick. Auch bei Anna war das so. Nach dem Abi vor *hust* 14 Jahren haben wir uns vor einigen Jahren noch einmal zu Essen gehen verabredet und dann war lange Funkstille, da es sich irgendwie nicht ergeben hat. Im Winter war ich fleißig am Zwiften als sie plötzlich zu mir Kontakt aufnahm. Tatsächlich hatte auch sie mit dem Radfahren angefangen und sich ein Gravel gekauft (mittlerweile hat sie sogar auch schon ein schickes Rennrad). Beim Fachsimpeln über Zwift und Räder stellten wir fest, dass wir uns immer noch ziemlich gut verstehen. Und fuhren auch einige Male digital gemeinsam bei Zwift. Nun wohnt sie nicht mehr hier in der Gegend sondern in Frankfurt, was häufige Treffen eher ausschließt. Trotzdem sind wir vor ein paar Wochen bereits eine kleine Runde gefahren, als sie hier auf Heimatbesuch war. Bereits da hatten wir viel Spaß und ich versprach ihr einen Gegenbesuch. Schon platzte sie mit ihrem Plan heraus. Bei komoot habe sie eine Runde gefunden mit schlanken 160 km und 1400 hm. Ich war etwas ungläubig, aber sie hatte sich das in den Kopf gesetzt und ich kann einfach so schlecht „nein“ sagen. Außerdem lockte mich die Tour natürlich auch ungemein. Es sollte über den Vulkanradweg gehen und laut Höhenprofil etwa 80 km leicht bergauf und 80 km tendenziell eher bergab gehen. Das sollte mental auf der zweiten Hälfte ganz gut machbar sein – dachten wir. Aber häufig kommt ja alles anders als man denkt.

Das Wochenende rückte heran und ich reiste am Samstag bei meiner Cousine Regina und ihrer Familie an und durfte dort einen schönen Tag in Babenhausen verbringen. Mit Hundespaziergängen, Bummel durch Babenhausen, Leckereien vom Grill und einem gemütlichen Abend mit Gin Fizz, für den die Nachbarschaft noch Zuckersirup und Zitronen lieferte.

Die Nacht war viel zu kurz, aber ansonsten fühlte ich mich gut als ich mit dem Auto nach Frankfurt fuhr. Dort holte ich Anna ab und wir bahnten uns zunächst den Weg mit den Rädern aus Frankfurt raus. Aufgrund der angekündigten Böen hatte sie sich zum Glück für das schwerer aber stabilere Gravel entschieden. Die Sonne stand tief, es ging bergauf und schon hatte ich die erste rote Ampel übersehen und -fahren. Zum Glück nur eine Baustellenampel. Ohne weitere Verkehrsdelikte ging es einige Kilometer auf die Hohe Straße. Diese 38 km lange Regionalparkroute verläuft (wie ich jetzt im Nachhinein weiß…) zwischen Büdingen und Frankfurt, und war Teil des europaweiten Handelswegenetzes.

Auf der Hohen Straße blieben wir nicht lange sondern bogen ab Richtung Altenstadt, wo wir auf den Vulkanradweg auffuhren. Dieser fein asphaltierte Radweg führt von dort bis zum 94 km entfernten Schlitz. Ganz weit wollten wir jedoch nicht. Überall sahen wir riesige Gruppen von Störchen. Auch wenn sie schon lange nicht mehr selten sind war die schiere Masse beeindruckend. Über schnuckelige Orte ging es sanft ansteigend zunächst bis Gedern. Am dortigen Schloss machten wir eine kleine Pause um einige Orte weiter (kurz vor Grebenhain) den Vulkanradweg zu verlassen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung gut. Wir hatten fast die Hälfte geschafft und bald würde es ja bergab gehen. Davon war zu diesem Zeitpunkt leider noch nichts zu spüren. Dafür wurde aber der Wind zum Problem. Die angekündigten Böen waren unsere Dauerbegleiter und kamen meist von vorn oder auch gerne mal überraschend von der Seite. Dies machte Anna zu schaffen, da sie auf Landstraßen (auf denen die Leute übrigens noch schlimmer fahren als im Harz…) noch etwas unsicher ist. Die Kombination aus Wind, dauernden Anstiegen, Landstraßen mit doofen Autofahrern, Selbstzweifel und einem schmerzenden Hintern ließen die Laune rapide sinken, was ich ihr aber keineswegs übel nahm. Ich hatte oft genug selbst ähnliche Gefühle. Leider fehlte mir die Kraft mich auf ihr Tempo einzulassen und so fuhr ich gerade in den Anstiegen meist vor und wartete oben. Für die Motivation der Mitfahrerin totaler Bockmist, aber bei einer solchen Strecke für mich nicht anders machbar. Irgendwie kämpften wir uns bis nach Büdigen, welches eine wunderschöne mittelalterliche Altstadt (die europaweit zu den am besten erhaltenen zählt) und viel Kopfsteinpflaster hat. Dort spendierte Anna ein Eis und eigentlich sollte sich die Stimmung verbessern – es waren nur noch 40km bis zum Ziel.

Dann zog sich aber der Himmel zu und es begann zu gewittern und zu regnen. Was nun? Abwarten? Abbrechen? Weiterfahren? Nachdem das Gewitter nicht wirklich beeindruckend war, entschlossen wir uns, zunächst ein paar Orte weiter zu fahren. Schon nach dem nächsten holte uns der Regen richtig ein. Nass bis auf die Schuhe das Polster ging es weiter. Im Nachhinein ist es total ärgerlich, dass wir nicht gehschaut haben, wo die Hohe Straße beginnt. Denn schon ab Büdingen hätten wir darauf – ungestört von Autofahrern – unseren Weg bis Frankfurt fortsetzen können. Wir folgten jedoch der von komoot vorgeschlagenen Route und trafen erst in Ostheim auf die Hohe Straße. Noch immer warteten wir jedoch erfolglos auf die deutlichen negativ-Höhenmeter… Nun wurde Anna zwar nicht gerade euphorisch, aber man merkte, dass sie innerlich etwas aufatmete. die Erschöpfung war allerdings schon recht massiv und letztlich wollten wir nur noch ankommen. Mit einem Blick über die Skyline und die letzten Kilometer durch die Stadt endete unsere Tour in Frankfurt.

Ich verabschiedete Anna schnell, da sie ein Date mit ihrer Badewanne hatte und machte mich auf den Weg zurück nach Babenhausen.

Regina zauberte noch ein leckeres Essen, die Müdigkeit übermannte (oder heißt es jetzt überfraute?) mich jedoch recht bald.

Am nächsten Tag bin ich ganz glücklich, dass ich mir ausnahmsweise mal keinen Wolf gefahren habe. In der letzten Woche hatte ich noch ein bisschen mit der Satteleinstellung experimentiert und war scheinbar endlich erfolgreich. Heute Nacht habe ich tatsächlich durchgeschlafen und fast zwei Stunden länger als für mich üblich. Nach dem langen Schlaf fühle ich mich auch richtig gut. Ja, die Oberschenkel spüre ich, aber das darf ja auch sein :).

Auf Anna bin ich unglaublich stolz. Auch, wenn sie die letzten 80 km leider nicht mehr ganz so viel Freude hatte und sobald nicht noch einmal eine solche Rund fahren möchte hat sie sich tapfer durchgebissen und allen Zweiflern zum Trotz gezeigt was sie kann. Gerade bei den widrigen Verhältnissen hätten sicherlich viele die Tour abgebrochen.

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