Fast 200 km

Zum Ende der Sommerferien wollte ich doch noch einmal etwas Ausgefalleneres machen und schauen, wie viel meine Beine mitmachen. Nach nur etwa 1000 Jahreskilometern im August nahm ich mir vor, meine Schwester in der Nähe von Lüneburg zu besuchen. Dies war aber nicht das einzige Ziel. Ich wollte versuchen, auf dem Hinweg so viel am Wasser entlang zu fahren, wie möglich. Dank des Elbe-Lübeck-Kanals, der Elbe und des Elbeseitenkanals war dies sehr gut möglich. Am 25.08. um 6.22 Uhr ging es los. Mit Müsli im Bauch und bepackt mit Riegeln, Gels und Brötchen fuhr ich eine handvoll Kilometer bis zum Einstieg des Kanals.

Ab dann ging es rund 60 Kilometer diesen entlang. Immer geradeaus, immer links das Wasser – immerhin unterbrochen von Brücken, Schleusen und winkenden Freizeitkapitänen – und immer nur Schotter.

In Berkenthin
Fähre Siebeneichen

Diese Belastung hatte ich unterschätzt. Zwar gab es bis zu diesem Zeitpunkt keine Höhenmeter, durch die Vibration und das Geschüttele hatte ich jedoch ab Kilometer 40 immer wieder taube Finger und Füße. Da mir das Gefühl in den Fingern fehlte, trank ich auch kaum. Immerhin sah ich aufgrund der frühen Uhrzeit einen Eisvogel, zwei Rehe (auf dem Radweg), diverse Vögel und einen Hasen, der panisch zwischen Wasser und Radweg versuchte wegzulaufen. Bei Lauenburg kreuzte ich die Elbe.

Single-Trail kurz vor Lauenburg
Lauenburg
Elbbrücke

Bis hier hatte ich kaum Autobegegnungen, was definitiv auch seinen Reiz hat. Entlang des Elbe-Seitenkanals ging es weiter in Richtung der Salzhauptstadt Deutschlands. Hier quälte mich der Gegenwind und eine trostlos eintönige Landschaft. Das einzige Highlight war das Schiffshebewerk in Scharnebeck, welches ich jedoch bereits vor ein paar Jahren besucht hatte.

Das Schiffshebewerk

Richtung Lüneburg führten mich die wasserfreien letzten Kilometer über ruhige Nebenstrecken und entlang des Klosters Lüne. Mir fehlte leider die Motivation, anzuhalten und es mir anzuschauen, aber was ich aus den Augenwinkeln sah, wirkte so, als dass sich ein Besuch lohnen könnte.

In Lüneburg angekommen, suchte ich mir ein Café und füllte meinen Speicher mit einem Chai Latte und einem kleinen Stück Kuchen. Den Angestellten fiel jedoch auf, dass es WIRKLICH klein war (nein, ich hatte nichts gesagt und mich nicht beschwert) und erstatteten mir den halben Preis. Das fand ich sehr aufmerksam und nett. Weiter ging es zu meiner Schwester nach Reppenstedt. Bei ihr musste ich dringend trinken. Dies war auf der Strecke viel zu kurz gekommen. Auf den knapp 100 km hatte ich noch nicht einmal eine Flasche geleert, aus oben genannten Gründen. Wir saßen eine Weile auf der Terrasse, bevor ich mich am frühen Nachmittag auf den Rückweg machte. Hierzu hatte ich mir folgende Gedanken gemacht:

Option 1: Ich fahre mit dem Zug zurück. Der Haken: Die Direktverbindung ist derzeit aufgrund von Bauarbeiten unterbrochen, daher SEV oder alternativ mit Umstieg in Hamburg. Ganz schön lang, ganz schön teuer.

Option 2: Ich fahre mit dem Rad nach Hamburg (53 km) und steige dort in den Zug. Dagegen hatte ich mich zum Glück auch entschieden, da just an diesem Tag auf der Veddel ein Großbrand tobte (mit herumfliegenden Teilen, bis hin zu Autobahn und Radweg). Das wäre allein aufgrund des Rauchs sicherlich nicht gesund gewesen.

Option 3: Ich fahre mit dem Rad mindestens bis Mölln und habe dort oder in Ratzeburg die Option in den Zug zu steigen.

Option 4: Ich fahre komplett zurück. Dies war aufgrund der wenigen Trainingskilometer eigentlich keine ernsthafte Option.

Ich entschied mich, wie man bereits erahnen kann für die dritte Option. Dieses Mal fuhr ich eine fürs Rennrad gemachte Strecke. Ein paar Höhenmeter mehr, dafür asphaltiert. Zwar waren die Beine nicht frisch, aber es lief relativ gut. Nach 60 km war ich in Mölln und ganz schön erschöpft. Trotzdem dacht ich, dass ich es doch noch bis Ratzeburg schaffen könnte, um ein paar Euro zu sparen. Bis Ratzeburg war es nicht weit und ich wusste, dass es von dort aus „nur noch“ 25 km waren. In meinem dehydrierten, erschöpften Wahn dachte ich, dass das ja gar nicht viel sei und ich fuhr weiter. Währenddessen wurde mir aber bewusst, dass 25 km ein Viertel der Rücktour sind (ich unterrichte dieses Jahr übrigens Mathe…) und dies wiederum ganz schön viel ist. Nun war es aber zu spät. Ich kämpfte und biss mich durch die letzten Kilometer und rollte bei der Durchfahrt durch Lübeck nur mit den Augen, wenn Menschen auf Citybikes mir beweisen mussten, dass sie schneller fahren können als ich. Es dämmerte bereits, als ich nach 197 km zu Hause ankam. Machte ich die 200 km voll? Nö! Ich habe darüber nachgedacht, aber entschied mich dazu, dass ich auch mit drei Kilometern weniger leben kann. Man wird ja auch älter und vernünftiger. 🙂 Insgesamt war es ein tolles Erlebnis. Ob ich diese Strecke entlang der Kanäle jedoch noch einmal so fahren würde, weiß ich nicht. Es war doch eine ziemliche Quälerei. Stolz bin ich jedoch auf meinen Körper, dass es mir immer wieder ermöglicht, solche schrägen Dinge durchzuziehen. Vor allem, wenn ich in der Woche darauf erfahre, dass mein Eisenspeicher (Ferritin) mal wieder ziemlich leer ist…

Hier die Tour zum Nachfahren: https://www.komoot.de/tour/2527268317?ref=avs&share_token=a5Y3m7H5t21dkh8EIRwLqqmyH3psu5Oe5KRZvbUobiQ6X5zgcw

WakenitzMan 2023

Oder: wenn man die Medaille gar nicht mehr ablegen will…

Ende des Jahres erzählte mir Jan von einem Langstrecken-Schwimmevent erzählt, welches vom Ratzeburger See über die Wakenitz 14 km nach Lübeck führt. Ich war sofort Feuer und Flamme, da ich ja vor einigen Jahren schon einmal bei einem 24h Schwimmen 13 km geschwommen war. Allerdings im Hallenbad… Definitiv ein Unterschied in vielerlei Hinsicht. Aber fangen wir vorne an:

Die Anmeldung war im Februar, als an Schwimmen noch nicht zu denken war. Während des Schwimmcamps im Januar hatte ich mir ja die Schulter verletzt und habe erst im Mai wieder vorsichtig mit Schwimmen angefangen. Auch wenn ich nach der Zwangspause einen kleinen Tempoverlust bemerkte, lief es ganz ok und ich kam nicht auf die Idee, die Anmeldung zu revidieren. Ähnlich wie bei den Cyclassics war die Training nicht sehr ausführlich. Gerade mal etwas über 50km war ich seit Mai geschwommen, mit sechs Kilometern als längster Distanz.

Bis ich mir die Ergebnisliste des letzten Jahres und die Zielschlusszeit mit 5:30h angeschaut hatte, war ich auch recht optimistisch. Die Ergebnisliste zeigte ganz deutlich, dass ich es dort nicht mit Hobbyathleten wie mir – sondern starken Triathleten und Leistungschwimmern zu tun hatte. Noch setzte ich aber auf die Flussströmung und hoffte auf ein paar „Normalos“, wie mich.

Am Samstag holten wir uns das Kanu von Jans Freund Stefan, transportierten das überraschend schwere Gerät nach Rothenhusen und versuchten uns ein paar Meter im Paddeln. Ohne Übung pendelten wir lustig von rechts nach links und links nach rechts und kamen nicht so recht in Fahrt. Jan wurde hier langsam nervös, da er mich ja am Folgetag mit seiner Freundin Cathrin begleiten sollte. Und das möglichst ohne mich, oder andere Schwimmer zu überfahren…

Am Sonntag den 27.08. klingelte der Wecker um 4.40 Uhr. Nach einem schnellen Frühstück trafen wir uns um 5.30 Uhr mit Cathrin an Stefans Garten und fuhren von der mit einem Auto Richtung Falkenwiese (Endpunkt des Rennens), wo wir in den Shuttlebus umstiegen. Ehrfürchtig sah ich mir die anderen Schwimmer an und konnte schon ahnen, dass ich eher hinterher schwimmen würde.

Ankunft in Rothenhusen

In Rothenhusen angekommen, kümmerte sich Jan ums das Boot, Cathrin um die Anmeldung des Boots und ich um meine Startunterlagen. Ich frohr bei etwa 13 Gard Lufttemperatur in meiner Jogginghose schon jetzt und wollte mich gar nicht wasserfertig machen. Über den Badeanzug zog ich schließlich den kurzen Neoprenanzug meiner Konkrektorin, den sie mir dankenswerter geliehen hatte. Leider war es kein Schwimmneo, so dass er hydrodynamisch nur so semioptimal war, aber bei 20 °C Wassertemperatur nach einer gewissen Zeit nötig ist. Mein Neo wäre ok gewesen, wenn ich darin nicht aufgrund der langen Ärmel immer so schnell lahme Arme bekäme.

Warten am Start

Nach einer kurzen Einweisung fiel um 8 Uhr der Startschuss und der Großteil des Feldes flog an mir nur so vorbei. Bei der Einweisung erfuhr ich, dass auch Profis dabei sind, wie die fünffache Deutsche Meisterin im Langsstreckenschwimmerin – Louisa Obermark. Auch viele andere Athleten, die laut Internet regelmäßig an Deutschen oder Landesmeisterschaften im Schwimmen und Triathlon dabei sind oder sich gar Weltmeister im Eisschwimmen nennen dürfen waren anwesend. Lediglich wenige Schwimmer blieben auf den ersten Kilometern in meiner Nähe. Um einen Tempovergleich zu haben: Während ich knapp 3 km/h schwamm, schwammen die schnellsten Schwimmer über 4 km/h. Ich ließ mich davon nicht verrückt machen und versuchte in einen gleichmäßiges Schwimmen zu kommen und das Kanu meiner Begleitung zu finden. Bis ich Sichtkontakt hatte, dauerte es auch eine Weile. Dann waren sie jedoch meistens nah bei mir, kämpften jedoch auch heute mit der Steuerung des Boots. Im Boot hatten sie warme Getränke (Brühe und Isodrink), Energyballs und Fruchtriegel, mit denen sie mich versorgten. Viel Essen nahm ich nicht zu mir und mehr als einen dreiviertel Liter auch nicht getrunken. Leider gab das GPS meiner Uhr nach 4,8 km auf, sodass ich ab dann keinerlei Orientierung hatte, wie weit es noch ist. Ich bemerkte es zunächst nicht und war mir sicher, dass ich das Ganze nicht in 5:30 h schaffe würde. Da ich mit Musik und Ohrstöpseln schwamm (Shoks OpenSwim und Bollsen Watersafe+), war eine Kommunikation mit Jan und Cathrin dazu auch schwierig. Im Nachhinein sagten sie mir, dass Kilometerangaben am Rand standen. Mir blieb in der Situation nur, mich auf mich und meine Technik und das Wasser inklusive der Fahrrinne zu konzentrieren und nicht zu sehr über die Restdistanz oder meine Zeit nachzudenken. Außerhalb der Rinne musste man sich schnell durch allerlei Pflanzen (Algen, Seerosen & Co kämpfen, was zusätzlich Kraft kostete).

Bitte lächeln!

Nach 2,5 h fingen meine Waden etwas an zu krampfen. Ich verringerte die Intensität des Beinschlags etwas und so ging es wieder. Die ersten drei Stunden kraulte ich tatsächlich durch (ich wusste nicht, dass das kann) und legte erst dann immer wieder kurze Brustschwimm-Einheiten ein. Etwa 5 km vor dem Ziel konnte man bereits die Türme der Stadt sehen und ich dachte, dass es dann nicht mehr weit sein könne. Das war jedoch ein Irrtum… Vor allem die letzten 4 km zogen sich wie Gummi. Immer wieder zogen Schwimmer an mir vorbei, jetzt jedoch nur noch die der Zweier- und Viererstaffeln, die fünfzehn bzw. dreißig Minuten nach uns gestartet waren. Nach viel wunderschönem ursprünglichem „grün“ – die Wakenitz heißt nicht umsonst auch „Amazonas des Nordens“ wurde das Ufer kurz vor Lübeck belebter. Teilweise reihte sich eine prachtvolle Villa an die andere. Wirklich genießen konnte ich die Aussicht beim Kraulen jedoch nicht.

Nach 5 h sah ich endlich die Bojen des Ziels und auf den letzten Metern war meine Playlist bei dem Song „Fighter“ von Christina Aguilera angekommen, der mich ins Ziel trug. Nach dem Anschlag an der Zieltafel hangelte ich mich etwas unbeholfen die Treppe ins Schwimmbad hinauf. Dort bekam ich meine Medaille umgehängt und stürzte mich zunächst auf das schon ziemlich leergefutterte Buffett und ergatterte noch ein halbes Käsebrötchen, Kuchen und einen Kaffee und suchte – zunächst erfolglos – meine Kanubegleiter. Mir war extrem kalt und es verlangte mich nach einem Handtuch, Dusche und trockener Kleidung. Schließlich sah ich die beiden doch, die sich nach Klamottenübergabe wieder ins Kanu setzten, um dieses zu Stefan zurückzupaddeln. Unter der heiß ersehnten – oder ersehnten heißen – Dusche sah die ich die Hinterlassenschaften des Neos auf der Haut: diverse Striemen an Brustkorb, Hals, Achsel und Schlüsselbein. Aber wie heißt es so schön: der Schmerz geht, der Stolz bleibt. Bezüglich des Schmerzes bin ich überrascht. Am Abend massierte mir Jan noch die Waden, Rücken und Arme, sodass ich – bis auf eine latente Müdigkeit – keinerlei Beschwerden am Folgetag hatte.

In der Gesamtwertung hat den WakenitzMan übrigens Louisa Obermark (in 3:12:32) gewonnen, gefolgt von Bettina Lange (Deutsche Meisterin im Triathlon). Erst auf Platz 3 folgt der erste Mann. Unglaublich, wir stark das Frauenfeld war!

Mich verschlug es mit 5:09 h auf den 36. von 40 Plätzen, bei den Damen auf den vorletzten Platz. Trotz meines Ehrgeizes bin ich völlig zufrieden damit und von mir selbst überrascht. Mit einem Tempo von 2:13min/100m liege ich etwas unter meinem üblichen Freiwassertempo. Im Becken bin ich deutlich schneller, aber im Freiwasser fehlen mir die Wenden, durch die ich schnell werde. Zudem war die Challenge, die 14 km zu schaffen – und das habe ich. Und vielleicht ist eine solche Distanz für viele der von mir vermissten Gelegenheitsschwimmer einfach zu groß. Für 52 Euro habe ich eine gut organisierte Veranstaltung erlebt, mit Busshuttle, Snacks und Getränke für die Kanuten, einem kostenlosen, hochwertigen Finishershirt, Badekappe, Zielverpflegung, Medaille und Urkunde. Den Ärger zweier Teilnehmer gestern über die Kosten konnte ich nicht nachempfinden! Ich werde so bald vermutlich nicht mehr teilnehmen, da ich doch sehr auf den Boden der Tatsachen geholt wurde, dass ich neben „richtigen“ Schwimmern eher eine lahme Ente bin, aber ich empfehle des Rennen auf jeden Fall ambitionierten Schwimmern weiter! Und wer weiß – vielleicht muss ich es mir irgendwann noch einmal beweisen.