Der Ostseeküstenradweg ist ein Fernradweg, der von Flensburg bis zur Insel Usedom führt. Er hat eine Länge von etwa 1.100 km und verläuft über rund 444 km durch Schleswig-Holstein und 690 km durch Mecklenburg Vorpommern. Den schleswig-holsteinischen Teil hatte ich mir zum Ziel gesetzt. Es sollte meine erste alleinige Bikepacking-Erfahrung werden. Ich war ganz schön aufgeregt und hatte vor allem Respekt vor den Nächten: alleine in der Hängematte irgendwo im Nirgendwo – einerseits reizvoll, andererseits auch ganz schön gruselig…

Mein Plan sah folgendermaßen aus:
Donnerstagmorgen Zugfahrt nach Flensburg und von dort aus starten. Eine Nacht in der Hängematte, weiter strampeln, mir eine feste Unterkunft suchen, um meine Geräte zu laden, zu duschen und einmal gut zu schlafen und die voraussichtlich letzte Nacht wieder in der Hängematte. Ob ich drei, vier oder fünf Tage brauchen würde, wollte ich vorher nicht festlegen. Ich soll ja weniger planen und mehr im Hier und Jetzt sein. Warum das gar nicht unbedingt die beste Idee war, erzähle ich später.
Tag 1
Wie geplant, stieg ich am Donnerstag um 7.09 Uhr zunächst in den Zug in Lübeck, der mich mit zwei Umstiegen nach Flensburg brachte. Um zehn Uhr startete ich dort und wurde vom Garmin gefühlt erst einmal alle steilen Anstiege der Stadt hochgejagt, bevor ich im Hafengebiet ankam und endlich auf dem Küstenradweg starten konnte. Flensburg durfte ich vor einigen Wochen auf der Klassenfahrt schon kennenlernen und war von der Stadt sehr angetan. Heute war jedoch nicht Sightseeing das Ziel, weshalb ich mich auf den Weg Richtung Glücksburg machte. Sehr gut gefiel mir der kleine Hafen und der Küstenweg bei Sandwig (Glücksburg), wo auch der Startbereich für den Ostseeman Triathlon bereits vorbereitet war. Die Location war so ansprechend, das ich mit dem Gedanken spielte, mich für nächstes Jahr anzumelden…

Kurz nach Neukirchen machte ich auch meinen ersten Badestop, denn es war entsetzlich heiß an diesem Tag. Nach dem Schwimmen im Sand eine Radhose anzuziehen ist übrigens äußerst lästig, vor allem, wenn man vermeiden möchte, dass Sandkörner in der Nähe des Sitzbereiches später die Fahrt aufreibender machen als nötig. Trotzdem tat die kurze Abkühlung und Trockenpause gut. Die Sicht war so klar, dass man problemlos Sonderburg in Dänemark erkennen konnte.

Im hübschen Örtchen Kappeln stand mir der Sinn nach Eis. Die Eispreise waren allerdings abschreckend. Eisbecher ab neun Euro waren schon ganz schön happig. Also entschied ich mich für zwei Kugeln in der Waffel, die aufgrund von Eiskristallenen leider gar nicht mal so garndios waren. Aber immerhin taten mir der Zucker, die Abkühlung und kurze Pause gut. Um einen Supermarkt zu finden, irrte ich ein wenig durch den Ort, wurde aber schließlich fündig und konnte meine Getränke auffüllen. Wie in den meisten der besuchten Orten, waren auch hier die Innenstadt und der Hafenbereich Fußgängerzone, sodass ich häufig mein Rad schieben musste. Daher hielt ich meine Aufenthalte dort meistens eher kurz, da das Laufen auf dem Kopfsteinpflaster sowie das bepackte Fahrrad, was sich nur beidhändig schieben ließ, lästig waren. Kappeln kann man sich aber durchaus noch einmal in Ruhe anschauen.

Ganz und gar nicht schön war allerdings das Ferienressort, was aktuell an der Schleimündung entsteht. Absolut uniform reihen sich dort die Ferienhäuser aneinander, was bestenfalls an amerikanische Verhältnisse, schlimmstenfalls an einen dystopischen Horrorfilm erinnert. Weiter ging es über Damp zur nächsten Badepause. Nach dieser hielt ich Ausschau nach einem Abendessen. Es war zwar noch nicht einmal 17 Uhr, aber mein Magen knurrte und ich musste mir noch ein Nachtquartier suchen. Suchen nach Essen musste ich eine Weile, bis ich schließlich am Campingplatz in Waabs fündig würde und mich dort an einer Pizza gütlich tun durfte.

Die Schlafplatzfrage war jedoch noch immer offen. Weit und breit fand ich keine Bäume, die annähernd geeignet waren, da das Unterholz überall zu dicht war oder die Bäume direkt an der Straße standen. Ich beschloss Richtung Strand zu fahren und landete zwischen zwei Campingplätzen auf einem fiesen Sandweg. Hier ließ sich das Rad nur mit viel Mühe schieben. Diese wurde jedoch belohnt, denn ich fand einen hervorragenden Platz und installierte die Hängematte. Alles war soweit perfekt. Ich setzte mich auf die Steine am Wasser und telefonierte mit Jan. Dieser fragte im Laufe des Gesprächs, ob ich schon nass geworden sei. Der Wetterbericht am Tag zuvor hatte mir nichts von Regen gesagt. Ein Blick auf die Wetterapp heute zeigte aber, dass sich das geändert hatte und die Nacht ziemlich nass werden sollte. Leider hatte ich keine Plane oder ähnliches im Gepäck, weshalb mir zunächst das Herz in die Hose rutschte. Dann entschied ich, mich auf dem Campingplatz durchzufragen, ob ich mich irgendwo für die Nacht unter das Vorzelt legen dürfte. Gleich beim ersten Zelt sah ich zwei hochwertige MTBs vor dem Zelt stehen und dachte, dass ich hier vielleicht eine Chance haben könnte. Und was soll ich sagen? Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Laureen und Thorben aus Soest waren zwar am Packen, da sie am nächsten Morgen aufbrechen wollten, aber trotzdem ermöglichten sie mir sogar das Schlafen IM Zelt, in einer eigenen Schlafkabine (Decathlon sei Dank!). Besser konnte es mich gar nicht treffen. Wir saßen noch eine ganze Weile zusammen und führten tolle Gespräche, bevor ich mich gegen 22 Uhr zurückzog. Gegenwind, Hitze und zu wenig zu trinken, hatten mich ganz schön ausgelaugt. Ein weiterer riesiger Vorteil war, dass ich meine Geräte laden konnte. Mein Handy hatte das definitiv auch nötig. Ich weiß nicht, wie es passiert war, denn obwohl ich es kaum genutzt hatte, war der Akku bei nur noch 36 %. Vermutlich hatte ich es in der Tasche immer wieder aktiviert.



Tag 2
Trotz der luxuriösen Unterkunft schlief ich unruhig und viel zu kurz, aber zumindest trocken. Am nächsten Morgen machte ich mich gegen neun Uhr auf den Weg. Zunächst aß ich noch etwas Porridge und einen Riegel, um in Eckernförde noch etwas ausführlicher zu frühstücken. Hier googelte ich auch schon einmal nach einer festen Unterkunft für die Nacht und musste entsetzt feststellen, dass nichts, aber auch gar nichts zu finden war. Weder in Jugendherbergen, noch in Ferienwohnungen, Hotels oder bei Airbnb. Die einzigen wenigen Optionen lagen zwischen 200 und 400 € pro Nacht und waren teilweise ohne Frühstück! Zwar hatte ich mich auf ein Zimmer mit Dusche gefreut, aber nicht um jeden Preis… Eckernförde machte auch einen interessanten Eindruck. Es machte sich gerade bereit für das an diesem Tag beginnende Piratenspektakel. Ich jedoch bereitete mich auf Kiel vor, wo ich zunächst den Nord-Ostseekanal mit einer kostenlose (!!!) Fähre kreuzte. Hier stoppte ich auch einmal den Garmin. Dort lief die komoot-Navigation, die ich irgendwie nicht stoppen konnte. Die Navigation deckte sich leider häufig nicht mit der Beschilderung, weshalb ich mich gegen das Navi entschied und ganz oldschool nach Schildern Ausschau hielt. Dafür benötigte ich leider immer wieder mein Smartphone (dessen Akku trotzdem erstaunlich gut hielt), da Beschilderungen oft unklar, versteckt oder nicht vorhanden waren. Das klassische Ostseeküstenradweg-Schildchen fehlte an entscheidenden Stellen. In Kiel beeindruckten mich vor allem die militärischen Schiffe an der Gorch-Fock-Mole und natürlich die zahlreichen Kreuzfahrtschiffe. Viel von der Stadt sah ich nicht, aber der Radweg rund um den Hafen war super. Ich kreuzte die Schwentine (mit einer interessanten Fischtreppe) und sah mich fast schon in Laboe. Es wurde plötzlich ganz schön schwül und am Horizont quollen dunkle Wolken. Zwar entgegen der Windrichtung, aber sie machten mich trotzdem nervös.


In Laboe kämpfte ich mich zunächst durch den Fußgängerbereich, und schaute mir dann U 995, ein U-Boot aus dem zweiten Weltkrieg an, welches dort seit 1972 als Museumschiff liegt. Ich bin technisch nicht so affin, aber die Enge und zahlreichen Geräte, Regler und Instrumente beeindruckten auch mich.



Auf dem Rad kam nun ein zäher Teil. Eintönig geradeaus ging es am Schönberger Strand entlang. Die Highlights waren hier wohl die Besuche in Brasilien und Kalifornien.
Der Nachmittag war langsam vorangeschritten, sodass ich mir in Hohwacht etwas zu Essen suchte. Im Nudelladen wurde ich fündig und war auch glücklich am Haus ein Schild mit „Zimmer frei“ zu lesen. Leider sagte mir die Inhaberin, dass sie das Schild noch nicht umgedreht habe. Zusammen zur Rechnung gab sie mir jedoch einen Zettel mit einem Hotelnamen und der Adresse für 120 € inklusive Frühstück – perfekt! Ich fuhr direkt dorthin und musste aber feststellen, dass eine Minuten zuvor mir jemand das Zimmer weggeschnappt hatte. Na super! Also doch wieder aufs Rad gestiegen und weitergefahren. Beim Campingplatz Platen bei Sehlendorf fragte ich, ob ich wohl gegen Bezahlung dort duschen dürfte. Für die Hängematte sahen sie leider keine Option. Zumindest frisch geduscht ging es wieder aufs Rad und durch Sehlendorf und weiter entlang der Landstraße. Wieder entdeckte ich keine einzige Möglichkeit, die Matte zu hängen. Doch halt! Da tat sich plötzlich ein Weg auf, der perfekt gewesen wäre. Leider aber privat und videoüberwacht. Müde und erschöpft wie ich war, entschied ich, ganz frech die Eigentümer zu fragen, ob ich dort in der Zuwegung übernachten dürfte. Nach längerer Suche auf dem großen Gutshof fand ich das (wie ich mittlerweile staunend auf dem Klingelschild gelesen hatte) Grafenpaar beim Grillen. Ich trug mein Anliegen vor und wurde wieder überrascht! Zum Gutshof gehört – unter anderem – auch ein Baumzelt, welches vermietet wird und gerade heute frei war. Perfekt. Ich ließ mir den Weg beschreiben und fand mich im Wald, nur etwa 100 m vom Meer entfernt, wieder. Das Baumzelt war klasse. Nur konnte ich in dieser Nacht auch wieder kaum schlafen. Der Wind sorgte teilweise dafür, dass das ganze Zelt vibrierte und auch die Plane flatterte lautstark auf dem Zelt. Auch das Meer war durchaus mitteilsam. Wirklich zur Ruhe kam ich nicht und schlief immer wieder stundenweise ein. Zumindest war diese Nacht aber definitiv etwas Besonderes! Im Nachhinein machte ich mich noch schlau und fand heraus, dass das Gut Frederikenhof und die Grafenfamilie von Platen-Hallermund in der Reiter- und Pferdeszene große Namen sind und dass das Gut zum Gut Weissenhaus gehörte.




Tag 3

Der heutige Tag war der Umrundung Fehmarns gewidmet. In Oldenburg fand ich am Marktplatz eine Rad-Reparatur-Station, an der ich den Reifendruck kontrollierte. Dichtmilch am Rahmen und sehr kommodes, aber zähes Fahren am Vortag hatten es mich schon ahnen lassen: ich war nur noch mit 2,5 und 2 Bar (statt 4) unterwegs. Das änderte ich wieder und frühstückte in der nahgelegenen Bäckerei. Hier durfte ich mein Handy laden und lauschte derweil den Unterhaltungen der einheimischen Seniorengang, was durchaus Unterhaltungswert hatte. Heiligenhafen war schon früh am Horizont zu erkennen, da die Klinikgebäude sehr groß und nicht sehr schmückend sind. Damit hatte der Ort für mich schon verloren. Auf die Altstadt hatte ich danach leider gar keine Lust mehr, aber die Skulpturen am Wasser waren nett.

Über die Fehmarnsund-Brücke ging es auf die Insel und gegen den Uhrzeigersinn drumherum. Die Highlights auf Fehmarn waren überschaubar: die Landschaft war toll und die Radwege größtenteils auch. Auch die Insel hat ein U-Boot-Museum mit der U11 aus den 60er Jahren. Dieses besuchte ich jedoch nicht. Beeindruckend war auch der Schiffsverkehr bei Puttgarden. Ansonsten galt es hier jedoch eher, die Landschaft und den Blick aufs Meer, sowie den gelegentlichen Rückenwind zu genießen und den unzähligen Touristen auszuweichen.



In Großenbrode kontrollierte ich noch einmal den Luftdruck und kaufte ein, bevor es nach Dahme weiterging. Vor Dahme zog sich wieder ein recht langer Weg am Deich entlang und wollte kein Ende nehmen. Endlich war ich in Dahme und stieg vom Rad, um an der Promenade essen zu gehen. Kurz zuvor hatte ich überlegt, einfach nach Hause durchzufahren, hatte mich aber schon dagegen entschieden, da ich keine Beleuchtung dabei hatte. Beim Absteigen merkte ich außerdem, dass die Beine zwar noch halbwegs ok waren, aber meine Augen plötzlich schielten und nicht mehr richtig scharf stellen konnten. Definitiv also keine gute Idee, weiterzufahren. Nach einem Burger mit ausgesprochen guten Pommes und Ayran ging es mir deutlich besser und ich fuhr Richtung Kellenhusen. Kurz davor fand ich ein Plätzchen für die Hängematte, in der ich in dieser Nacht wirklich einmal schlief! Also WIRKLICH in der Hängematte. Nicht WIRKLICH schlief! Denn Schlafen war auch hier wieder etwas viel gesagt. Die Geräuschkulisse, der klebrige Schlafsack, mit dem es zu warm war – ohne ihn aber zu kalt, die verrutschende Isomatte und, und, und sorgten wieder für sehr wenig Schlaf.




Tag 4
Heute standen nur noch knapp 80 km auf dem Tableau. Ich startete sehr früh und saß noch vor sieben Uhr auf dem Rad. Innerhalb der ersten 10 Minuten sah ich daher fünf Hasen und drei Kaninchen (davon gibt es in Kellenhusen richtig viele!), die sich um die Zeit noch vor Touristen sicher fühlten. Das Frühstück gab es heute in Grömitz, bevor ich mich langsam den heimischen Gefilden näherte. Bei Rettin bestaunte ich noch den alten Aufklärungsturm, den ich baugleich aus Stöberhai (Bad Lauterberg) kannte. Von diesen gab es neun Stück in Deutschland (diesen von der Marien, fünf von der Luftwaffe, drei vom Heer). Sie dienten der elektronischen Funk-Aufklärung während der Innerdeutschen Teilung und hatten eine Reichweiter von 600 km.

Ab Neustadt mit seinen Salzwiesen hatte ich das Gefühl, fast zu Hause zu sein. Da ich allerdings nicht den direkten Weg nahm, sondern noch bis Travemünde fuhr, war es natürlich noch ein bisschen. Zwischendurch stoppte ich noch bei einem Fahrradverleih und bat um etwas Öl, da meine Kette schon länger bösartig scharrte. Sand und Salz sind nicht gerade zuträglich. Mein Ziel, um elf Uhr Jan zu überraschen ging nicht ganz auf, aber gegen 11.15 Uhr klingelte ich bei uns an der Tür und freute mich, endlich wieder zu Hause zu sein. Nach einem Besuch im Freibad (ohne wirklich zu schwimmen) fühlte ich mich deutlich besser, aber noch unendlich müde. Außerdem fand ich auf meiner Haut noch sechs Zecken. Igitt… hoffentlich habe ich alle entdeckt. Igitt war auch die Dichtmilch. Die halbwegs herunter zu bekommen war mühsam.


Alles in allem ein tolles Erlebnis mit eindrucksvoller Landschaft, tollen Gastgebern, liebenswerten kleine Orte, die definitiv eines zweiten Besuchs in Ruhe würdig sind. Ich bin super stolz auf mich, mich alleine getraut habe, dieses kleine Abenteuer in Angriff zu nehmen. Beim nächsten Mal aber doch wieder mit mehr Planung. Das liegt mir einfach mehr und entspannt das Ganze. 🙂













































































































































































































































